"Sie hoffen, dass das Tor nach Europa aufgeht"

"Sie hoffen, dass das Tor nach Europa aufgeht"

Ein Gespräch mit Christina Nagel, Moskau-Korrespondentin der ARD, zur Lage an polnisch-weißrussischer Grenze

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   16.11.2021 | 07:45 Uhr

Für Moskau-Korrespondentin Christina Nagel ist die Lage an polnisch-weißrussischer Grenze derzeit schwer zu beobachten - vor Ort seien nur Vertreter der polnischen und weißrussischen "Staatsmedien" zugelassen. Sie könne sich aber durchaus "vorstellen, dass es zu einer Verzweiflungstat" kommen könnte. Ein Interview.

Im Grenzgebiet zwischen Polen und Belarus wird die Lage immer brisanter: Polnischen Behörden zufolge haben sich an einem geschlossenen Grenzübergang mehrere hundert Migranten versammelt, die von belarussischen Truppen dorthin gebracht worden sein sollen. Nun bereiteten sich die polnischen Behörden angesichts der erneut zu erwartenden Grenzdurchbrüche "auf jegliches Szenario" vor.

Einschätzung der Lage schwierig

Vor Ort seien lediglich weißrussische und polnische Journalisten der jeweiligen Staatsmedien zugelassen, bestätigte Moskau-Korrespondentin Christina Nagel im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner. Eine Einschätzung der Lage am Morgen des 16. November sei von daher "schwer zu verifizieren", sagte Nagel. In der vergangenen Nacht solle es aber "zumindest ruhig geblieben" sein.

Menschen harren aus

Sie könne sich aber durchaus "vorstellen, dass es zu einer Verzweiflungstat" kommen könnte und die Migranten wieder mit Gewalt versuchen könnten, die Grenze zu durchbrechen. Noch aber campierten die Migranten bei esigen Temperaturen dicht an dicht gedrängt in Schlafsäcken bei Lagerfeuern und hofften vor dem Hintergrund des Jahres 2015 darauf, "dass das Tor nach Europa aufgeht", so Nagel.

Blockiert Belarus die Rückkehr?

Belarus, so sei zu hören, verhindere auch die Rückkehr der Ausharrenden in ihre Heimatländer. "Wie lange sie das tatsächlich durchhalten werden, ist offen". Die Bereitschaft zum Warten sei unter den Migranten allerdings groß - gerade unter jenen, "die in ihrer Heimat alles verkauft" hätten, bevor sie sich auf den Weg nach Europa gemacht hätten.

Die russische Regierung unter Wladimir Putin sehe sich noch immer hauptsächlich in der Vermittlerrolle, so Nagel.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 16.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben vom 15.11.2021 zeigt ein von der belarussischen Staatsagentur BelTA via AP zur Verfügung gestellte Handout. Zu sehen sind Migranten, die sich am Kontrollpunkt Kuznica an der belarussisch-polnischen Grenze versammeln. Die Außenminister der Europäischen Union werden am Montag (15.11.2021) voraussichtlich beschließen, die Sanktionen gegen Belarus auf Fluggesellschaften, Reisebüros und Einzelpersonen auszuweiten, denen vorgeworfen wird, im Rahmen eines "hybriden Angriffs" von Präsident Lukaschenko gegen die EU dabei zu helfen, Migranten nach Europa zu locken (Foto: picture alliance/dpa/BelTA/AP | Oksana Manchuk)

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