11.11.2021: Antonio Guterres, UN-Generalsekretär, spricht bei der UN-Klimakonferenz COP26 (Foto: picture alliance/dpa | Christoph Soeder)

"Ein Bündel an offenen Dingen"

Ein Gespräch mit ARD-Korrespondent Werner Eckert kurz vor dem Abschluss der Weltklimakonferenz COP26 in Glasgow am Morgen des 12. November 2021

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   12.11.2021 | 07:45 Uhr

Bis zum nahenden Abschluss der Weltklimakonferenz in Glasgow gebe es noch "jede Menge Konfliktfelder" und "ein Bündel an offenen Dingen" abzuarbeiten, erklärte ARD-Korrespondent Werner Eckert im SR-Interview. Definitiv beschlossen sei allerdings der Kohle-Ausstieg.

Die Weltklimakonferenz in Glasgow biegt nach rund zwei Wochen allmählich in die Zielgerade ein: Nach vielen Ankündigen und Verlautbarungen soll es sehr bald eine Abschlusserklärung geben. Und bis dahin gebe es noch "jede Menge Konfliktfelder" und "ein Bündel an offenen Dingen", erklärte ARD-Korrespondent Werner Eckert im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger.

"2,4 Grad im Zielfeld"

Im Interview: Werner Eckert zu COP26 in Glasgow
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger, 12.11.2021, Länge: 05:17 Min.]
Im Interview: Werner Eckert zu COP26 in Glasgow

Trotzdem habe die Konferenz "schon eine Menge gebracht, wenn wir auch weit entfernt sind von dem 1,5-Grad-Ziel, was in Paris vereinbart worden ist", sagte Eckert. Vor Glasgow hätten die Modellberechnungen bei maximal 2,7 Grad Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur bis 2050 gestanden - nach den bisherigen Beschlüssen habe man sich an nur noch "2,4 Grad im Zielfeld" herangetastet.

Schlupflöcher im Handelsparagraphen?

Übers Wochenende stehe die Einigung auf einen "Handelsparagraphen" auf der Tagesordnung, auf dessen Grundlagen die Staaten untereinander mit finanziellen Ausgleichszahlungen reagieren könnten, sollte das selbst gesteckte Ziel von einem Staat nicht erfüllt, von einem anderen aber übererfüllt worden sein. "Aber da drohen riesige Schlupflöcher", gab Eckert zu bedenken, "die könnten das ganze Paris-Abkommen unterhöhlen".

Blockade aus Übersee

Ein "politisches Signal" habe der COP26-Gipfel aber schon gebracht: "Die Welt steigt seit Glasgow aus der Kohle aus, und zwar definitiv", sagte Eckert. Die genaue Formulierung des beschleunigten Verzichts auf Kohle, Erdöl und Gas aber sei noch "heftig umstritten". "In der Nacht müssen wohl Saudi-Arabien und Australien da alles blockiert haben, was in diese Richtung geht", sagte Eckert.

Streit ums Geld

Uneinigkeit herrsche wohl auch bei der Finanzierungsfrage: Die jährlich 100 Milliarden Dollar, die die Industriestaaten schon vor vielen Jahren den ärmeren Ländern für ihren "Kampf gegen den Klimawandel und bei der Anpassung" zugesagt hätten, sei "nicht voll da". Hintergrund sei, dass Gelder für die "Anpassung" für die Geberländer verloren seien, während sie mit Investitionen in die Klimawandelbekämpfung sogar Geld verdienen könnten.

Eigenverantwortung jedes Staates

Insgesamt blieben die Initiativen zunächst freiwillig, stellte Eckert klar. "Ob es gelingt, die in den Prozess jemals richtig einzubinden und damit auch kontrollierbar zu machen, das wird man auch erst am Ende dieses Tages oder auch des morgigen wissen". Klar sei schon jetzt, dass eine "wirkliche Lösung" für das Erreichen der Klimaziele von Paris "drastischer ausfallen" müsste, so Eckerts Einschätzung. Diese aber müsse "zu Hause in den Staaten passieren".


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 12.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt Antonio Guterres, den UN-Generalsekretär, bei einer Rede auf der UN-Klimakonferenz COP26 (Foto: picture alliance/dpa | Christoph Soeder).

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