Thüringen, Apolda: Ausstellung "StadtLand" der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen (Foto: picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa)

"Wir müssen uns anders organisieren"

Ein Interview mit Marta Doehler-Behzadi, Geschäftsführerin des thüringer Ausstellungsprojekts "StadtLand", zur ARD Themenwoche 2021: "Stadt. Land. Wandel. Wo ist die Zukunft zu Hause?"

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   09.11.2021 | 06:15 Uhr

Marta Doehler-Behzadi, die Geschäftsführerin des Ausstellungsprojekts "StadtLand" in Apolda, beobachtet vor allem in ländlichen Regionen Thüringens immer mehr aufgebrachte Menschen, die den Verfall des ländlichen Raums nicht mehr hinnehmen wollen. Ein Interview zur ARD Themenwoche "Stadt. Land. Wandel".

Das 2,15-Millionen-Einwohner-Land Thüringen ist wie das Saarland auch eher kleinteilig geprägt, d.h. es gibt viele Dörfer und keine wirklich beherrschende Metropole. Im Durchschnitt beherbergt jede Gemeinde nur 3500 Einwohnerinnen und Einwohner.

Ein Blick ins thüringische Apolda
Audio [SR 2, Jochen Erdmenger / Marta Doehler-Behzadi, 09.11.2021, Länge: 08:56 Min.]
Ein Blick ins thüringische Apolda

Seit 2013 läuft in der Kleinstadt Apolda zwischen Weimar und Jena im ehemaligen Industriegebäude "Eiermannbau" das Ausstellungsprojekt "StadtLand" der Internationalen Bauausstellung (IBA), das sich mit dem Verhältnis Stadt und Land und dem Wandel beschäftigt. 2023 will das Team um Geschäftsführerin Marta Doehler-Behzadi die Ergebnisse präsentieren.

Den Standort Apolda habe man dafür ausgewählt, um zu zeigen, "dass es möglich ist, nicht nur immer sozusagen in den größeren Städten und Zentren Entwicklungen fortzuführen, sondern dass wir diese polyzentrale Struktur auch produktiv machen können", sagte Doehler-Behzadi im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger.

Neue Themen dazu gekommen

"Wir müssen uns anschauen, wie wir eigentlich erfolgreich in eine Zukunft kommen", so Doehler-Behzadi. "Demographischer Wandel, Energiewende, das waren so sie Anfangsfragen", beschrieb sie die Grundidee ihrer StadtLand-Ausstellung. Inzwischen sei manches Thema dazu gekommen, dessen Aktualität und Brisanz zum Start 2013/14 noch gar nicht so absehbar gewesen sei - zum Beispiel die künftige Organisation einer nachhaltigen, den "Klimawandelfolgen" angepassten Landwirtschaftsorganisation oder politische Fragen, "die man vielleicht an den Wahlergebnissen ablesen kann".

Ausdünnung der Fläche

Auch in Thüringen seinen ähnliche demographische Probleme zu beobachten wie in anderen eher ländlich geprägten Regionen Deutschlands, räumte Doehler-Behzadi ein: Seit der Wende 1989/90 hätten immer mehr Kindergärten, Friesiersalons, Geldautomaten oder Geschäfte geschlossen bzw. seien abgebaut worden.

Protest wird immer lauter

Inzwischen aber sei man an einem Punkt angelangt, dass die Leute "das nicht mehr hinnehmen" wollten. Viele Menschen seien "extrem unzufrieden bis aufgebracht, sie radikalisieren sich sogar an manchen Stellen", sagte Doehler-Behzadi. "Uns fliegt vielleicht ein solches politisches Verhalten und eine räumliche Organisation in der Fläche so langsam mal um die Ohren. Deswegen müssen wir uns anders organisieren".


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Dossier:

7. bis 13. November: Stadt. Land. Wandel.
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Vom 7. bis zum 13. November beteiligte sich auch SR 2 KulturRadio an der 16. ARD-Themenwoche "Stadt.Land.Wandel – Wo ist die Zukunft zu Hause?". Ein Dossier.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 09.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt einen Teil der Ausstellung "StadtLand" der Internationalen Bauausstellung (IBA) Thüringen (Foto: picture alliance/Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa).

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