Reinhold Jost (Foto: Daniel Bittner)

"Es ist uns gelungen, in diesem Jahr den großen Wurf hinzubekommen"

Ein Interview mit Reinhold Jost, Minister für Umwelt und Verbraucherschutz im Saarland, zur ARD Themenwoche 2021: "Stadt. Land. Wandel. Wo ist die Zukunft zu Hause?"

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   08.11.2021 | 14:45 Uhr

Das Verhältnis von Stadt und Land und allem, was dazwischen liegt, sind zentrale Themen auch im dicht besiedelten Saarland. Welche Ideen für eine gute Zukunft gibt es von Regierungsseite? Zum Beispiel das "Cappuccino-Prinzip", sagte Reinhold Jost der Minister für Umwelt und Verbraucherschutz, im SR-Interview.

"Zuallererst geht es darum, auch mental einen Wandel hizubekommen." Reinhold Jost (SPD), der Minister für Umwelt und Verbraucherschutz im Saarland, sieht den ländlichen Raum keineswegs abhängt: "Das Gegenteil ist der Fall", sagte Jost im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit. Der ländliche Raum habe viele Möglichkeiten - das habe gerade die Corona-Pandemie gezeigt.

Mehr für Wohnraum tun

Reinhold Jost: "Wir lassen kein Dorf sterben"
Audio [SR 2, Jochen Marmit / Reinhold Jost, 08.11.2021, Länge: 10:53 Min.]
Reinhold Jost: "Wir lassen kein Dorf sterben"

Nun gelte es, die Potenziale noch stärker zu nutzen - beispielsweise, was das Home-Office, "Co-Working-Spaces" oder auch "Daseinsvorsorge" oder den ÖPNV angehe. Der Wohnraum mit seinem "besseren Preis-Leistungsverhältnis als in manchen Städten" müsse noch besser ausgebaut werden.

Der entscheidende Punkt sei für ihn, "dass, was wir an Aufholwettbewerb in den letzten Jahren schon hatten, durch zusätzliches Geld, das wir ganz gezielt investiert haben, auch weiter in den ländlichen Raum investieren".

Zudem gebe es einen neuen "ÖPNV-Masterplan", auf dessen Grundlage stillgelegte Strecken mit neuer Taktung und mit einem günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis reaktiviert werden sollen. Jetzt gehe es in die "konkrete Umsetzung", versprach Jost.

"Auf Augenhöhe mit anderen Regionen"

In den vergangenen sieben Jahren habe das Land bereits "über 600 Projekte im ländlichen Raum finanziert", sagte Jost. Teilweise "20 und 25 Millionen" Euro - "je nachdem, wie man das noch zusammenrechnet" - seien in kleineren Orten investiert worden. Die Dörfer würden "nicht zurückgelassen", so Jost.

Aufgrund eines "herausragend guten Verhandlungsergebnisses" im März 2021 werde man in den kommenden Jahren nun so viel Geld in die Entwicklung des ländlichen Raums stecken können, "wie wir es nie für möglich gehalten hatten", sagte Jost: "Wir spielen jetzt auf Augenhöhe mit - mit anderen Regionen, die seit Jahrzehnten schon über genug Geld verfügt haben."

Hilfe zur Daseinsvorsorge

Geld solle auch der Daseinsvorsorge zu Gute kommen - etwa für "kleinere Geschäfte bis hin zu Gaststätten", und zwar "an der ein oder anderen Stelle, dort, wo es sinnvoll, möglich und auch notwendig ist", räumte Jost ein. Als Beispiel nannte der Minister einen Bäcker im Losheimer Ortsteil Wahlen, der aufgrund der finanziellen Hilfe des Landes eine Erweiterung seines Geschäftes habe umsetzen können.

Das "Capuccino-Prinzip"

Der saarländischen Regierung sei es gelungen, dank einer guten Zusammenarbeit die "Vernachlässigung finanzieller Art der letzten Jahre und Jahrzehnte" aufzubrechen. "Es ist uns gelungen, in diesem Jahr den großen Wurf hinzubekommen", sagte Jost. "Die Potenziale sind da, das Geld haben wir jetzt Gottseidank auch, und die Ideen, die sollten uns dabei auch nicht ausgehen".

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Innenminister Klaus Bouillon (CDU) und er hätten das "Capuccino-Prinzip" entwickelt: "Ich gebe die Grundförderung, den Kaffee für die Städte und Gemeinden, bis 70 Prozent, und Klaus Bouillon legt über Bedarfszuweisung noch was drauf, so dass es 90 Prozent auf alles gibt", erklärte Jost. In den Jahren 2014 bis 2020 seien so über 20 Millionen Euro im Saarland investiert und "über 35 Millionen Investitionen ausgelöst" worden.

"Für das Jahr 2020 und 2021 haben wir es sogar geschafft, diese Beträge noch einmal zu steigern - für zwei Jahre bestehen jetzt finanzielle Rahmenbedingungen von über elf Millionen - also fast die Hälfte dessen, was wir vorher in sieben Jahren hatten". Das Geld komme dem ländlichen Raum, der Stabilisierung der Landwirtschaft, den Wäldern und insbesondere den "engagierten Dorfgemeinschaften" zugute. Eine "entscheidende Stellgröße" sei, dass die Menschen sich in ihren Dörfern wohl fühlten. Er freue sich, wenn die Menschen ihn um Unterstützung bäten.


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Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" am 08.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Minister Reinhold Jost (Pressefoto: Daniel Bittner).

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