Um die Maßnahmen bestmöglich einzuhalten kehrt auch der bestmöglich einzuhalten kehrt auch der gute alte Platz-Service zurück. (Foto: SR/Sebastian Knöbber)

Was funktioniert besser - Zuckerbrot oder Peitsche?

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Thomas Friemel, Experte für Gesundheitskommunikation an der Universistät Zürich, über Strategien zur Verhaltensmanipulation in der Corona-Krise

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   04.11.2021 | 08:25 Uhr

Politiker versuchen immer wieder, Menschen zu Verhaltensänderungen zu bewegen - auch und gerade in Sachen Corona. Doch nicht jede Strategie besitzt auch Überzeugungskraft, wie der Züricherer Gesundheitskommunikationsexperte Prof. Thomas Friemel im SR-Interview erklärt.

Masken tragen, sich impfen lassen, viele Einschnitte in die persönliche Freiheit akzeptieren und ja nicht gegen den Corona-Kurs der Regierung aufbegehren - all das gilt seit gut anderthalb Jahren fürs "Gemeinwohl" und den "Gesundheitsschutz". Damit möglichst viele Leute weiter mitziehen, sind Motivationsgeschick und die richtige Kommunikation gefragt. Doch diese scheint bei vielen Skeptikern nicht zu funktionieren, besonders wenn es ums Impfen geht.

Schweiz setzt auf "positives Framing"

Im Interview: Prof. Dr. Thomas Friemel
Audio [SR 2, Sonja Marx / 04.11.2021, Länge: 06:46 Min.]
Im Interview: Prof. Dr. Thomas Friemel

Auch in der Schweiz sieht das nicht viel anders aus. "Da fehlen uns leider auch so ein bisschen die Wundermittel", sagte Prof. Dr. Thomas Friemel, Experte für Gesundheitskommunikation an der Universität Zürich, im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx. Im Alpenland bemühe man sich, "Falschinformationen und Zweifel auszuräumen" und betone nach wie vor die "Freiwilligkeit". Zudem setzten die schweizer Behörden "zunehmend" auf ein "positives Framing", das die Überwindung der Einschränkungen als Ziel definiere und "das Ende der Pandemie in Aussicht" stelle.

Angst und soziale Normen

Ob eine Strategie der Drohung oder der Verlockung zu mehr Erfolg führe, sei in der Gesundheitskommunikation auch abseits von Corona "ein viel diskutiertes Thema", stellte Friemel klar. Letztlich hinge das nicht nur vom Thema, sondern auch von der aktuellen Einschätzung der Bevölkerung ab.

Wenn die Angst der Menschen beispielsweise schon groß sei, müsse man "nicht noch weiter Angst schüren und Sorgen hervorrufen", empfahl Friemel, sondern solle lieber die "Wirksamkeit" der angebotenen Lösungen bzw. Maßnahmen betonen. Nach aktuellem Kenntnisstand funktioniere Letzteres bei Corona jedenfalls besser. Auch die "soziale Norm" sei "ein wichtiger Einflussfaktor", sagte Friemel: "Die Leute orientieren sich an dem, was die anderen Leute tun".

"Alte Botschaften holen uns wieder ein"

Ein Problem seien die Botschaften, die zu Beginn der Krise ausgesendet worden seien: "Die holen uns langsam wieder ein", räumte Friemel ein. Denn anfangs habe man vor allem mit dem "Schutz der vulnerablen Gruppen" argumentiert und den Betroffenen gewisse Priorisierungen eingeräumt. Wenn man dies "anderthalb, zwei Jahre" gehört habe, müsse man sich "nicht verwundern", wenn jüngere Menschen nun "nicht einfach zu den Impfzentren rennen". "Das jetzt wieder einzufangen, das wird schwierig", erklärte Friemel.

Nachvollziehbarkeit und Verhältnismäßigkeit

Damit ein Politiker eine Verhaltensänderung bei den Menschen bewirken könne, müsse er überzeugend und entschlossen auftreten. Das Wichtigste aber sei, dass dessen Entscheidungen "nachvollziehbar", "verhältnismäßig" und "plausibel" erschienen. Es gebe ja durchaus "Maßnahmen, die vielleicht ein bisschen absurd wirken", gab Friemel zu. Mit "allgemein absoluten, übergreifenden" Regeln, zum Beispiel Einschränkungen des Bewegungsspielraums, die "schwierig nachvollziehbar" seien, sei es eben auch "schwierig", die Leute zu überzeugen.

Kontraproduktiv sei es beispielsweise, Leute mit Gesichtsmaske im Wald joggen zu lassen, da das Risiko dort auch ohne Maske "herzlich gering" sei. Mit so etwas halte man die Leute eher davon ab, Sport zu treiben - "was dann auch wieder nicht gut ist für ihre Gesundheit", erklärte Friemel.

Eigenverantwortung sinnvoll

Je mehr man aber "in die Eigenverantwortung der Leute" übergebe, "indem man ihnen die entscheidenden Informationen" über angemessenes Handeln zukommen lasse, desto sinnvoller sei es.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 04.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt eine junge Frau mit Maske, die vor einem Lokal die aktuellen Corona-Regeln studiert (Archivfoto: Sebastian Knöbber).

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