"Einigkeit gibt es nicht, aber es gibt schon so Tendenzen"

"Einigkeit gibt es nicht, aber es gibt schon so Tendenzen"

Ein Gespräch mit ARD-Korrespondent Christoph Prössl nach dem Auftakt der Weltklimakonferenz in Glasgow

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   02.11.2021 | 07:45 Uhr

Am zweiten Tag nach Beginn der Weltklimakonferenz von Glasgow stünden zwar bereits einige Zusagen wie der Abholzungsstopp 2030 im Raum - ein genaues Regelwerk zur Überprüfung und Sanktionierung aber sei noch nicht in Sicht, erklärte ARD-Korrespondent Christoph Prössl im SR-Interview.

Deutlich unter 2, viel besser: um maximal 1,5 Grad Celsius soll die Durchschnittstemparatur auf der Erde in den nächsten Jahrzehnten höchstens steigen. Auf dieses Ziel hatten sich 190 Staaten bereits im Jahr 2015 in Paris geeinigt. Seitdem gab es vier weitere Weltklimakonferenzen. Die fünfte seit Paris hat am Sonntag, 31. Oktober, in Glasgow begonnen und soll noch bis zum 12. November laufen.

Viele Appelle, wenig Einigkeit

Zum Auftakt seien zwar "viele Appelle formuliert worden", sagte ARD-Korrespondent Christoph Prössl im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx - neue Zusagen aber seien nur wenige zustande gekommen: "Da gibt es eine große Differenz". "Einigkeit gibt es nicht, aber es gibt schon so Tendenzen", fasste Prössl den Stand der Dinge zusammen. Das Kohleland Australien beispielsweise wolle nun bis 2050 "klimaneutral" werden, Indien bis 2070.

Wenn man alles, was bisher zugesagt worden sei, berücksichtige, genüge das aber nicht, um die CO2-Emissionen bis 2030 zu halbieren, wie es manche Experten forderten. "Im Moment sehen wir nur, dass sie stabilisiert werden. Das reicht bei Weitem nicht aus, um die 1,5 Grad zu erreichen", sagte Prössl.

Stopp der Abholzung bis 2030

Als positiv bewertet Prössl das Vorhaben von 100 Staats- und Regierungschefs, die Abholzung der Wälder bis 2030 zu stoppen. Dass dabei sogar Brasilien, Kanada, Kongo, Russland und China mitmachen wollten, die gemeinsam 85 Prozent aller Wälder auf dem Planeten repräsentierten, klinge "ermutigend". Ebenfalls positiv sehe er, dass es nun "deutliche Zusagen von Staaten" gegeben habe, "die man so vor einigen Wochen und Monaten noch gar nicht erwartet hat", sagte Prössl.

Ohne China funktioniert's nicht

Insgesamt könne man allerdings argumentieren, dass es "viel zu lange gedauert" habe, bis die Zusagen gemacht worden seien: "Das müsste eigentlich alles viel schneller gehen", meint Prössl. Bedauerlich sei auch die Tatsasche, dass das China, Russland und Brasilien nicht die Staats- bzw. Regierungschefs nach Glasgow gereist seien. "Ohne China werden diese ganzen Abkommen nicht zum Erfolg geführt werden können".

Auf der Suche nach einem Regelwerk

Überhaupt seien noch "ganz viele Sachen unklar" - etwa die Frage, wie man die Einhaltung der Versprechen überhaupt überprüfen oder sogar sanktionieren wolle. "Da muss jetzt das Regelwerk dafür hergestellt werden", sagte Prössl.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 02.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt Staats- und Regierungschefs bei der Eröffnung des UN-Klimagipfels COP26 in Glasgow (Foto: picture alliance/dpa/AP pool | Alberto Pezzali).

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