Druck auf Impfskeptiker: "Im Moment läuft so ziemlich alles falsch"

"Im Moment läuft so ziemlich alles falsch"

Ein Gespräch mit dem Lungenfacharzt und Buchautor Dr. Kai-Michael Beeh, zur aktuellen Lage der Corona-Krise in Deutschland

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   02.11.2021 | 08:45 Uhr

Der Lungenfacharzt Dr. Kai-Michael Beeh hat im SR-Interview vor weiteren Drohkulissen gegen Impfskeptiker und vor einem weiteren Lockdown gewarnt. Das seien die "falschen Signale". Zudem solle über eine Drittimpfung nicht generell, sondern je nach Patient individuell entschieden werden.

Der Lungenfacharzt und Buchautor Dr. Kai-Michael Beeh hat angesichts der aktuell relativ unübersichtlichen Corona-Lage empfohlen, "die Alarmstufe ein bissel" runterzudrehen, um keine "falschen Signale" auszusenden.

Vorsicht, falsche Signale!

Von einem erneuten Lockdown riet Beeh im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx klar ab: "Schon allein deshalb, weil meiner Meinung nach das Signal ein Fatales ist", stellte Beeh klar. "Also wenn wir heute sagen, mit 70 Prozent Impfquote, die Situation ist die gleiche wie vor einem Jahr oder sie ist noch 'ne schlechtere, dann sagen wir damit ja im Grunde genommen den Geimpften, 'das hat überhaupt nichts gebracht, außer euer persönliches Risiko zu senken'".

Druck aus dem Kessel nehmen

Um Impfskeptikern doch noch die Bedenken vor den Spritzen zu nehmen, dürfe man diesen "nicht mit Druck" begegnen, mahnte Beeh: "Im Moment läuft so ziemlich alles falsch, was wir da bewegen können", kritisierte der Mediziner: "Man muss diese Sorgen ernst nehmen". Ängste könne man den Menschen nur nehmen, indem man mit ihnen spreche, keinesfalls aber, "indem man ihnen androht, dass sie hier kein Geld mehr bekommen, dies nicht mehr dürfen, das nicht mehr dürfen", stellte Beeh klar. So ein Vorgehen erzeuge nur Trotz. "Und dann gibt's 'ne Bunker-Mentalität, und dann werden Sie sehr viele Leute verlieren, die man vielleicht noch erreichen könnte", gab Beeh zu bedenken.

Differenziert und individuell impfen

Als Grundstrategie für die nahe Zukunft empfahl er, mit der aus seiner Sicht bewährten Kombination aus Testen, Impfen und "lokalen Einschränkungen" - etwa Masken im öffentlichen Nahverkehr - weiter zu machen.

Auch die "Impflücke" solle möglichst geschlossen werden - und zwar bei den Ü60-Patientinnen und Patienten, "die wir momentan noch haben", sagte Beeh. Im Alter von über 60, 65 Jahren sei eine Drittimpfung "nach sechs, sieben, acht Monaten nach der letzten Impfung sicher sinnvoll", räumte Beeh ein, aber auch da müsse man "beim einen oder anderen" damit rechnen, dass "die Reaktionen stärker" ausfielen.

Sonderfall Johnson & Johnson

Der Impfschutz bei Patienten, die eine Einmal-Impfung mit dem Wirkstoff von Johnson & Johnson bekommen hätten, reiche allerdings "wahrscheinlich" nicht aus: Die sollten sich in jedem Fall um eine Auffrischung bemühen", empfahl Beeh.

Für alle anderen Patientengruppen sei ebenfalls eine "individuelle Entscheidung" angebracht; eine dritte "Auffrischungsimpfung" könne er nicht "generell unterschreiben": "Wenn Sie in einen noch sehr gut mit Antikörpern ausgestatteten Menschen da 'ne Drittimpfung reingeben, dann haben sie unter Umständen sehr starke Impfreaktionen", gab Beeh zu bedenken, "und das will man unbedingt vermeiden".

Mit dem Herbst steigen die Fallzahlen

Dass die "Fallzahlen" aktuell stiegen, sei "jetzt auch nicht furchtbar überraschend", sagte Beeh: Mit Ende der Herbstferien würde wieder mehr getestet und damit mehr gefunden. Zudem sei es "im Herbst immer so".

Kein 100-prozentiger Schutz

Es sei auch "überhaupt nicht überraschend", dass immer mehr Impfdurchbrüche gemeldet würden, sagte Beeh. "Wenn wir eine Effektivität haben zwischen 70 und 90 Prozent, dann ist klar, dass bei bestimmten Infizierten auch trotz der Impfung was passiert", stellte Beeh klar. Entscheidend sei, dass die Wahrscheinlichkeit für einen schweren Verlauf bzw. eine Hospitalisierung durch eine Impfung zwar "dramatisch gesenkt" werde, aber eben "nicht auf Null" gehe.


Der BuchTipp:

Dr. Kai-Michael Beeh
Die atemberaubende Welt der Lunge

Heyne Verlag 2018
288 Seiten, 17,00 Euro
ISBN: 978-3-453-20707-3


Dr. Kai-Michael Beeh war schon Anfang April 2020 zu Gast in "Fragen an den Autor":

Die Sendung vom 5. April 2020: Fragen an den Autor
Kai-Michael Beeh: Die atemberaubende Welt der Lunge
Dr. Kai-Michael-Beeh leitet als Lungenexperte das Insaf Institut für Atemwegsforschung in Wiesbaden. Am 5. April beantwortete in "Fragen an den Autor" u. a. die damals wichtigsten Fragen zum Thema Corona. Zum Podcast.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 02.11.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt den Lungenfacharzt und Autor Dr. Kai-Michael Beeh (Foto: Flashfotos.de/Daams Naber GBR/Random House).

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