Schuldner und Schuldnerberatung an ihren Grenzen angelangt

Schuldner und Schuldnerberatung an ihren Grenzen angelangt

Ein Gespräch Maria Loheide, sozialpolitischer Vorstand der Diakonie Deutschland, über die Lage der Schuldner und Schuldnerberatungen infolge der Corona-Politik

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   28.10.2021 | 08:25 Uhr

Die Corona-Politik und die steigenden Preise haben zu einer deutlich gestiegenen Nachfrage nach Schuldnerberatungen geführt. Maria Loheide von der Diakonie Deutschland fordert im SR-Interview von der Regierung u. a. eine Öffnung der Schuldnerberatungen für alle und eine bessere Finanz- und Personalausstattung.

Die sozialen und finanziellen Folgen der Corona-Politik werden immer deutlicher spürbar. Das lässt sich zum Beispiel an einer deutlich gestiegenen Nachfrage nach Schuldnerberatungen ablesen, wie Maria Loheide, der sozialpolitische Vorstand der Diakonie Deutschland, im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue bestätigt.

Geldmangel durch Lockdown

Viele, gerade kleinere Solo-Selbstständige - zum Beispiel Kosmetikstudios, Einzelhändler oder Boutique-Betreiberinnen - hätten darunter gelitten, kein Geld mehr mit ihrer Arbeit verdienen zu dürfen. Auch Angestellte hätten sich mit Kurzarbeitergeld begnügen müssen - gerade "in den Bereichen, in denen Frauen tätig sind", betonte Loheide.

Immer höhere Kosten

Ein Grund für die steigende Schuldenlast seien auch die mittlerweile stark angestiegenen Preise für Energie oder Miete. "Das erleben wir ja landauf landab, dass sich das noch zuspitzen wird", sagte Loheide voraus. Insgesamt habe der "psychische Druck" in der Pandemie bei den Menschen zugenommen, die Rat suchten. "Vorrang ist natürlich diese Sorge und diese Angst, völlig überschuldet wirklich kein Licht mehr am Ende des Tunnels zu sehen". Sie verstehe es deshalb augenblicklich als "das vorderste Ziel" der Diakonie, mit den Betroffenen "Entschuldung und wieder 'ne Perspektive zu entwickeln", erklärte Loheide.

Forderungen an die Politik

Von der neuen Regierung erhoffe sie sich "sehr kurzfristig" ein "Moratorium" darüber, "dass eben alle rechtlichen Zugangsbeschränkungen - etwa für Erwerbslose und Solo-Selbstständige zur Schuldnerberatung" entfielen. Langfristig bedürfe es einem "Rechtsanspruch auf Schuldnerberatung für alle". Außerdem forderte Loheide wegen des gestiegenen Bedarfs "sehr dringend" mehr Beraterinnen und Berater und eine bessere finanzielle Absicherung der Schuldnerberatung generell. Es sei "unzumutbar", dass die Betroffenen "ein halbes Jahr" auf einen Beratungstermin warten müssten: "Bis dahin sind denen dann alle Felle weggeschwommen", mahnte Loheide.

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 28.10.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen Flaschensammler in Berlin (Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld).

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