"Der Militärputsch kam nicht so überraschend"

"Der Militärputsch kam nicht so überraschend"

Ein Gespräch mit Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin von Amnesty International Deutschland, zur Lage im Sudan zwei Tage nach dem Militärputsch

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler  

Für Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin von Amnesty International Deutschland, kam der Militärputsch im Sudan keineswegs aus dem nichts: In der Regierung habe schon länger der Konflikt zwischen Militärs und Zivilisten geschwelt. Im SR-Interview äußerte sie ihre Sorge zur Menschenrechtslage vor Ort.

Der Sudan ist seit vielen Jahren ein Krisengebiet, in dem innen- und aussenpolitische Konflikte oft mit Waffen gelöst werden. Nachdem das Volk Langzeitherrscher Umar Hasan Ahmad al-Baschir vor zweieinhalb Jahren aus dem Amt getrieben hatte, sahen viele das Land zuletzt auf dem Weg zur Demokratie. Doch damit war spätestens am Montag, 25. Oktober, Schluss, als das Militär im Sudan putschte und Premierminister Abdalla Hamdok mitsamt anderer Minister und Repräsentanten der Zivilgesellschaft festnehmen ließ.

Regierung seit Jahren uneins

"Der Militärputsch kam nicht so überraschend", räumte Franziska Ulm-Düsterhöft, Afrika-Expertin von Amnesty International Deutschland, im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue ein. In der Nach-al-Baschir-Regierung habe es von Beginn an Streitigkeiten gegeben: "Die eine Hälfte der Regierung bestand ja aus Militärs, die auch unter der alten Regierung al-Baschir schon gedient hatten", erklärte Ulm-Düsterhöft, "die andere Hälfte bestand aus Zivilisten".

Kein Machtverzicht des Militärs

Die militärischen Regierungsvertreter hätten vor allem den Machterhalt und den Zugang zu Ressourcen im Sinn gehabt, während die zivilen Regierungsangehörigen versucht hätten, das Militär zu entmachten, das Land zu demokratisieren und die Straflosigkeit für Korruption zu beenden. Diese unterschiedlichen Interessen hätten im Lauf des Jahres zu Verschärfungen geführt - und die Miltärs seien eben nicht bereit gewesen, ihre Macht abzugeben, so Ulm-Düsterhöft.

Sorge um Menschenrechte

Für die Menschenrechtslage vor Ort sei die Entwicklung "natürlich desaströs". Besonders General Abdel Fattah al-Burhan und sein Stellvertreter, Mohamed Hamdan "Hemeti" Dagolo, seien schon zu Zeiten von al-Baschir für "massive Menschenrechtsverletzungen" verantwortlich gewesen. "Natürlich ist der Ausblick jetzt darauf, dass dieser Teil der Regierung die Macht wieder übernimmt, äußerst düster" und "eine sehr frustrierende Entwicklung", beklagte Ulm-Düsterhöft.

Wie reagiert das Ausland?

Ob und wie die "internationale Gemeinschaft" eingreifen solle, sei derzeit schwer zu sagen, denn die Lage im Sudan sei "sehr unübersichtlich und vertrackt". Es komme wohl darauf an, "inwieweit jetzt die Menschen im Sudan selbst den Druck gegen das Militär aufrecht erhalten können auf der Straße".

Eine "entscheidende Rolle" spielten auch die Reaktionen der Afrikanischen Union und der Arabischen Liga. Wichtig sei ebenfalls, "ob die Geberländer wie die USA und Deutschland jetzt tatsächlich die Hilfen" einstellten, denn der Sudan sei wirtschaftlich aus eigern Kraft "nicht überlebensfähig", sagte Ulm-Düsterhöft.


Mehr zum Thema:

tagesschau.de: Umsturz im Sudan
Putsch für Privilegien und Profite
Die Putschisten im Sudan geben sich als Retter der Nation. Tatsächlich dürfte es ihnen vor allem um Macht, Privilegien und Profite gehen. Das Militär schützt seine Pfründe und handelt nach einem altbekannten Muster.


Ein Thema in der Sendfung "Der Morgen" am 27.10.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt junge Männer im Sudan, die bei ihrem Protest gegen das Militär einen Tag nach dem Putsch im Sudan Reifen verbrennen (Foto: picture alliance/dpa/AP | Marwan Ali).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja