Erdoğan kontra Kavala - ein türkischer Konflikt belastet die internationale Diplomatie

Ein türkischer Konflikt belastet die internationale Diplomatie

Ein Gespräch mit Istanbul-Korrespondentin Karin Senz über die Drohung des türkischen Präsidenten Erdoğan, zehn Botschafter ausweisen zu lassen

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   25.10.2021 | 07:15 Uhr

Die Abneigung des türkischen Präsidenten Erdoğan gegen den Verleger Osman Kavala sorgt seit Tagen für internationalen Stress: Weil zehn Botschafter - darunter auch der deutsche - sich auf die Seite Kavalas geschlagen haben, sollen sie nun ausgewiesen werden. Doch Istanbul-Korrespondentin Karin Senz ist sich da gar nicht so sicher. Ein Interview.

Erst vor wenigen Tagen hatte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel noch zum Abschiedsbesuch empfangen. Erdoğan sprach damals voller Anerkennung darüber, wie Angela Merkel sich um ein gutes deutsch-türkisches Verhältnis bemüht habe. Eine Woche später ist das offenbar vergessen: Am Wochenende drohte Erdoğan, zehn Botschafter ausweisen zu lassen, darunter auch den amerikanischen und den deutschen.

Zur Begründung nannte Erdoğan den Einsatz der in Ungnade gefallenen Länder für die Freilassung des Verlegers Osman Kavala, der seit vier Jahren im Gefängnis sitzt.

Andere Hintergründe?

Erdoğan könnte es bei alldem aber in Wahrheit darum gehen, von den wirtschaftlichen Problemen seines Landes abzulenken, meint ARD-Türkei-Korrespondentin Karin Senz: Viele Menschen in der Türkei litten inzwischen unter der 20-prozentigen Inflationsrate, stellte Senz im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue klar. "Möglicherweise versucht er jetzt auch, die Nachrichtenhoheit zurückzugewinnen", so Senz.

Erdoğan kontra Kavala

Am Fall Kavala allein könne es eigentlich nicht liegen, denn der sei "eigentlich ein ganz Stiller", der "viel für einen Austausch" zwischen Kurden, Armeniern und Türken getan habe, aber trotzdem nicht "groß in der Öffentlichkeit in Erscheinung getreten" sei. "Viele Türken kennen ihn auch gar nicht", gab Senz zu bedenken.

Sie sehe drei mögliche Gründe für Erdoğans Abneigung gegen Kavala: Erstens solle der Verleger 2013 in die Erdoğan-kritischen Gezi-Park-Proteste verwickelt gewesen sein, zweitens solle er eine Rolle beim Putschversuch 2016 gespielt haben. "Und dann gibt es noch einen dritten Punkt, der ganz interessant ist", erklärte Senz: "Osman Kavala hat schon in Diskussionen immer wieder klar gemacht, schon lange, bevor das Präsidialsystem 2018 eingeführt wurde, dass er dagegen ist". Genau das nehme ihm Erdoğan "möglicherweise ziemlich übel".

"Vielleicht passiert auch gar nichts"

Drei mögliche Szenarien sehe sie auch, was nun dem Umgang mit den Botschaftern angehe: Erdoğan könnte seiner Drohung Taten folgen lassen - oder auch überhaupt nichts tun. "Klingt erstmal unwahrscheinlich, aber wir haben solche Drohungen tatsächlich von Erdoğan auch schon früher mal erlebt - als er sich mit den USA 2018 angelegt hat", rief Senz in Erinnerung. Damals sollten keine US-Güter mehr in die Türkei exportiert werden dürfen - doch das habe Erdoğan nie durchsetzen lassen.

Eine dritte Option könnte darin liegen, die Diplomaten zwar zunächst auszuweisen, sie aber aber in ein paar Wochen wieder einreisen zu lassen. "Das ist aber nicht so ganz einfach", stellte Senz fest, "denn ist ein Botschafter erst mal eine Persona non grata, dann kann er eigentlich nicht mehr zurückkommen in der Regel". Die betroffenen Staaten müssten dann andere Botschafterinnen oder Botschafter schicken - und würden sich damit automatisch "von Erdoğan ihre Personalpolitik diktieren lassen".


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 25.10.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan (Foto: picture alliance/dpa/AP | Francisco Seco).

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