Ein Plädoyer gegen Kohle- Gas- und Atomstrom in Deutschland

Ein Plädoyer gegen Kohle- Gas- und Atomstrom in Deutschland

Ein Gespräch mit ARD-Energieexperte Jürgen Döschner zur Zukunft der Stromerzeugung in Deutschland

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   19.10.2021 | 07:45 Uhr

Der ARD-Energieexperte Jürgen Döschner hat im SR-Interview kein gutes Haar an Verfechtern einer Energiepolitik unter Nutzung von Atomkraft, Kohle oder Gas gelassen. Die Debatte um eine Verlängerung der Atomlaufzeiten werde hierzulande lediglich von "Lobbyisten aus dem Ausland" am Laufen gehalten.

Der Atomausstieg in Deutschland ist schon lange beschlossene Sache: Nach dem Tsunami von Fukushima vor rund zehn Jahren hatte Kanzlerin Merkel (CDU) entschieden, sämtliche AKWs in Deutschland bis Ende 2022 komplett abzuschalten. Auch die besonders CO2-intensive Kohle soll 2038, womöglich schon 2035 oder noch früher nicht mehr als Stromlieferant genutzt werden dürfen.

Ausstieg zu spät

Für den ARD-Energieexperten Jürgen Döschner gehen die Beschlüsse noch nicht weit genug: "Ich finde schon, dass es ein Fehler war, erst aus der Atomkraft und dann aus der Kohle auszusteigen", sagte Döschner im Gespräch mit SR-Moderator Jürgen Döschner. "Man hätte beides machen müssen und dafür die Erneuerbaren stärker ausbauen müssen".

AKW-Debatte "gesellschaftspolitisch abgeschlossen"

Kritikern, die AKWs in Deutschland angesichts drohender Versorgungsengpässe lieber am Netz lassen wollten, hielt Döschner entgegen, dass es in Deutschland mittlerweile kein Unternehmen mehr gebe, "das bereit wäre, auch nur die Laufzeitverlängerung zu diskutieren". Dieser "gesellschaftspolitische Prozess" sei "abgeschlossen" und "niemand" wolle ihn "mehr öffnen". Weiter Laufenlassen hieße schließlich auch weiter Investieren. "Und Investieren in Erneuerbare ist heute sogar günstiger als laufende Atomkraftwerke durch aufwändige Maßnahmen zu ertüchtigen", sagte Döschner.

Störkräfte aus dem Ausland

Die Debatte hierzulande werde lediglich von "Lobbyisten aus dem Ausland" am Laufen gehalten. Denn es gebe international Konzerne, die Geld "aus den großen Töpfen, die jetzt bereit gestellt werden im Zuge des Klimaschutzes", abschöpfen wollten. Dahinter steckten auch militärische Interessen.

"Ein großes Problem" auf europäischer Ebene sei auch die Untentschlossenheit der EU, was Atomkraft angehe. "Im Zuge des Green Deal" gebe es ja Vorschläge, nicht nur die Atomkraft, sondern möglicherweise auch Erdgas als Energielieferant weiter zu fördern. "In meinen Augen wäre das absurd", sagte Döscher: Das sei weder nachhaltig noch klimafreundlich.

Zudem verursachten auch Atomkraftwerke CO2-Belastungen - nämlich beim Bau der Kraftwerke, für die Entsorgung und für den Abbau von Uran, argumentierte Döschner. Auch die Strahlungsgefahren und das Endlagerproblem dürfe man nicht außer Acht lassen.

Frankreichs Energiepolitik "nicht nachhaltig"

Dem Atomstromland Frankreich würden seine Versäumnisse in Sachen erneuerbare Energien "auf die Füße fallen", prophezeite Döschner. Denn je älter die AKWs, desto anfälliger seien sie: "Diese Strategie ist nicht nachhaltig".


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 19.20.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt die Baustelle eines neuen Gaskraftwerks an der Römerbrücke in Saarbrücken (Archivfoto: SR Fernsehen).

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