Afghanistan: Westliche Menschenrechtsstandards nur Illusion

Westliche Menschenrechtsstandards nur Illusion

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, über Hilfsstrategien für Afghanistan

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   12.10.2021 | 07:45 Uhr

Prof. Dr. Susanne Schröter vom Forschungszentrum Globaler Islam hat im SR-Interview davor gewarnt, sich weiter Illusionen von westlichen Menschenrechtsstandards in Afghanistan zu machen. Die Taliban akzeptierten zwar Geld oder auch die Hilfe von NGOs und Militär im Kampf gegen den IS - nicht aber ein Aufweichen der Scharia.

Über eine halbe Millionen Menschen sind auf der Flucht vor den Taliban, mit elf Millionen Leuten leidet ein Drittel der Bevölkerung laut den Vereinten Nationen unter Hunger. Und der Winter kommt. Ein G20-Sondergipfel am 12. Oktober soll Lösungen zur Bekämpfung der humanitären Katastrophe vor Ort finden.

"An die Wurzel des Übels gehen"

"Mal grundsätzlich an die Wurzel des Übels" zu gehen, schlug Prof. Dr. Susanne Schröter, Direktorin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam, im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit vor. Seit 1980 sei die Bevölkerung von 13 auf nun fast 40 Millionen Menschen angewachsen, zu wenig Nahrung sei trotz stetiger Unterstützung durch die "internationale Gemeinschaft" der Begleiter gewesen. "Wenn man den Hunger vermeiden will, dann muss man da vielleicht mal auch andere Mittel anwenden als immer nur Lebensmittel liefern und die afghanische Bevölkerung quasi in Unselbstständigkeit lassen", sagte Schröter.

Demokratie-Ideen "krachend gescheitert"

Sie empfahl, "vielleicht ein bisschen Abstand von der eigenen Hybris" zu nehmen und die Illusion aufzugeben, "von außen ein vollkommen neues Regime fernab des eigenen Landes aufzubauen". Der jahrzehntelange Versuch, in Afghanistan eine Demokratie nach westlicher Vorstellung zu errichten, sei "krachend gescheitert".

Geld, NGOs, Militärhilfe

Nach dem Abzug westlicher Militärs seien die Taliban als Sieger nun immerhin "in einer starken Verhandlungsposition", stellte Schröter fest. Den neuen Machthabern würde die "Weiterführung finanzieller Hilfen" nützen. Akzeptieren würden die Taliban auch die "Hilfe von humanitären NGOs" oder Anstrengungen zur Bekämpfung des gemeinsamen Gegners "Islamischer Staat" (IS).

Scharia kontra Frauenrechte

Womöglich gebe es zwar "einen gewissen Spielraum", was die westliche Forderung nach Einhaltung von Menschenrechten angehe, "aber sicher nicht den Spielraum, den sich auch die Bundesregierung wünscht", sagte Schröter. So werde der Westen beispielsweise seine Vorstellung von Frauenrechten bei den Taliban nicht durchsetzen können, "weil das der Scharia vollkommen widerspricht", gab Schröter zu bedenken: "Da braucht man sich keine Hoffnungen zu machen".

Geopolitische Interessen

Der Afghanistan-Kurs der westlichen Nationen werde in erster Linie ohnehin weniger von Menschenrechtsidealen bestimmt, stellte Schröter klar, sondern von den geopolitischen, "fundamentalen Interessen" der USA: nämlich "keine Lücke entstehen zu lassen, die dann von China oder von Russland gefüllt" werde. Im Übrigen verfolge auch Europa geopolitische Interessen vor Ort, sagte Schröter.


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Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 12.10.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt bewaffnete Taliban-Kämpfer vor einer Moschee in Afghanistan (Foto: picture alliance/dpa/XinHua | Ajmal Kakar).

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