FDP Partei (Foto: IMAGO / Christian Ohde)

Warum junge Saarländer die FDP gewählt haben

Ein Beitrag von Hannah Stumpf

  04.10.2021 | 12:30 Uhr

Die FDP hat bei der Bundestagswahl unter Jungwählern sehr gut abgeschnitten. Im Saarland könnte das laut Politikwissenschaftlerin Christine Hübner auch an der fehlenden Landesliste der Grünen gelegen haben. Für Erstwählerin Danielle aus Kirkel war die FDP aber nicht bloß zweite Wahl.

Danielle aus Kirkel studiert zurzeit in Frankreich. Deswegen mussten die 20-Jährige und ihre Kommilitonen bei der Bundestagswahl per Brief wählen. "Da gab’s super viele Probleme. Einige haben ihre Wahlunterlagen zu spät bekommen und das wäre so viel einfacher, wenn das digital ginge."

Bei Digitalisierung und Bildung muss dringend etwas passieren, findet Danielle. Den Overhead-Projektor hat sie aus der Schulzeit noch genau vor Augen. "Die GroKo hat das Thema verschlafen in den letzten Jahren. Die FDP will viel in Bildung investieren, das ist definitiv ein guter Weg."

Hohe Zustimmung bei Erstwählern

Danielle gehört zu den 13,6 Prozent der Wählerinnen und Wähler in Kirkel, die ihr Kreuz bei der FDP gemacht haben. Das ist das zweitbeste Ergebnis für die FDP im Saarland. Dabei spielt die Partei landespolitisch eine kleine Rolle, ist seit 2012 nicht mehr im Landtag vertreten. Gerade unter Erstwählern wie Danielle ist die FDP sehr beliebt - bundesweit gaben 23 Prozent von ihnen den Liberalen ihre Stimme, fürs Saarland liegen keine exakten Werte vor.

FDP statt Grüne im Saarland

Die Berliner Politikwissenschaftlerin Dr. Christine Hübner forscht zu politischer Partizipation und dem Wahlverhalten junger Menschen. Sie kann sich vorstellen, dass der Wahlerfolg der FDP bei jungen Saarländern auch mit der fehlenden Landesliste der Grünen zusammenhängen könnte.

"FDP ist guter Ausgleich zu Grünen"
Audio [SR 2, Hannah Stumpf, 04.10.2021, Länge: 03:14 Min.]
"FDP ist guter Ausgleich zu Grünen"

"Die Grünen standen eben nicht zur Auswahl, die FDP hatte auch viele klimapolitische Themen in ihrem Programm, wenn auch sicherlich eine andere Art, sie anzupacken." Für junge Menschen, die keine GroKo-Partei wählen wollten, sei die FDP dann die fortschrittliche Alternative gewesen.

Jungwählende wünschten sich vor allem mehr Klimaschutz. Die Frage nach der Umsetzung sei aber oft zweitrangig und würde von jungen Menschen ganz unterschiedlich beantwortet, so Hübner. "Und das ist genau das Spannungsfeld, das FDP und Grüne bespielen."

FDP als Ausgleich zu den Grünen

Danielle ist sich sicher, dass Steuererhöhungen, wie die Grünen sie einführen wollen, nicht der richtige Weg zu mehr Klimaschutz sind. Deswegen hat sie sich bewusst für die FDP entschieden, obwohl sie sich auch mit den Werten der Grünen sehr stark identifizieren kann.

"Ich dachte mir, die Grünen werden sowieso viel gewählt und die FDP gleicht das dann gut aus." Auch wenn die Parteien sehr unterschiedlich sind, war es Danielle wichtig, dass beide an der künftigen Regierung beteiligt sind. "Beide repräsentieren Themen, die für mich eben relevant sind - Klimaschutz und Digitalisierung sind für mich die Hauptthemen."

Poppiger Wahlkampf

Die FDP hat junge Menschen im Wahlkampf außerdem besser angesprochen als andere Parteien, meint Politikwissenschaftlerin Hübner. "Der Wahlkampf war sehr poppig, das kam auch gut an und sie waren auf sozialen Medien sehr präsent." Dabei sehr vor allem Authentizität wichtig – das werde bei Befragungen von jungen Wählerinnen und Wählern immer wieder deutlich. "Die haben einen Riecher dafür, wenn sich jemand versucht zu verstellen, um jung und hip daherzukommen."

Auch Danielle nimmt den GroKo-Parteien ihr Engagement für die Jugend nicht ab. "Die CDU, das sind ältere Leute, die versuchen, die Sprache der Jugend zu sprechen, aber es kommt unauthentisch rüber, weil sie sich auch in den Jahren davor nicht für die Themen der Jugend interessiert haben."

Die CDU etwa sei nur durch den Druck der Fridays-For-Future-Demos auf den Klimaschutz-Zug aufgesprungen. Grüne und FDP würden das aber von sich aus machen, so Danielle.

Besseres Image

Die FDP habe bei jungen Menschen mittlerweile ein besseres Image, findet Julien Simons, Vorsitzender der Jungen Liberalen im Saarland. Vor ein paar Jahren sei er im Wahlkampf noch beschimpft worden, die FDP mache nur Politik für Reiche.

Diesmal sei die Stimmung anders gewesen, erzählt er. "Viele junge Leute sind auf uns zugekommen mit Themen, die ihnen wichtig sind, und viele Neumitglieder spiegeln mir, dass unsere Politik positiv wahrgenommen wird." Dass nach Wahlen neue Mitglieder hinzukommen sei normal, diesmal habe er aber schon ca. 50 neue Mitgliedsanträge, so Simons.

Die Partei für Reiche, dieser Blick auf die FDP scheint sich bei vielen Jungwählenden geändert zu haben, hin zu der Partei der Veränderung nach vielen Jahren gefühltem GroKo-Stillstand. Dass sie landespolitisch eher ein Underdog ist, dürfte der FDP im Saarland deswegen nicht geschadet haben - ganz im Gegenteil.


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Ein Thema u. a. in der Sendung "Bilanz am Mittag" am 04.10.2021 auf SR 2 KulturRadio.

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