"Es ist eine ganz, ganz gespaltene Jugend"

"Es ist eine ganz, ganz gespaltene Jugend"

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler und Publizisten Albrecht von Lucke zum Wahlerfolg der FDP bei den Erstwählerinnen - und wählern

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   28.09.2021 | 07:45 Uhr

Für den Politologen Albrecht von Lucke ist das hervorragende Abschneiden der FDP bei den Erstwählerinnen und Erstwählern keine Überraschung: Die Jugend in Deutschland sei keineswegs "ganz grün", sondern vor allem individualistisch, sehr stark konsumorientiert und ein Stück weit hedonistisch. Ein Interview.

Es war wenig überraschend, dass bei der Bundestagswahl 22 Prozent der Erstwählerinnen und -wähler ihr Kreuz bei den Grünen gemacht haben. Sehr überraschend für viele war dagegen, dass in derselben Zielgruppe die FDP sogar noch einen Prozentpunkt mehr holte.

"Auch die Jungend ist hoch divers" und ein "Ausdruck einer hoch individualisierten Gesellschaft", stellte der Politikwissenschaftler und Publizist Albrecht von Lucke im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue fest. Die Freien Demokraten sprächen genau das mit ihrem Grundsatz der Liberalität an, und zwar "liberal im Sinne von individualistisch, auch durchaus ein Stück weit hedonistisch, sehr stark konsumorientiert", sagte von Lucke.

Jugend keineswegs "ganz grün"

Die Vorstellung einer Jugend in Deutschland, die "ganz grün" sei und nur aus "Fridays for Future"-Anhängern bestehe, sei von daher eine falsche Illusion. Im Osten Deutschlands habe immerhin auch ein "erheblicher Anteil der Jugendlichen" rechts gewählt.

Union zu "altbacken" für die Jugend

Eine große Rolle beim FDP-Erfolg habe deren Social-Media-Kampagne gespielt, die vor allem auf Christian Lindner als "Role Model" fixiert gewesen sei. Das habe offensichtlich deutlich besser gezogen als die entsprechenden Anstrengungen der Union mit ihrem Spitzenkandidaten Armin Laschet, die im Vergleich zur FDP-Kampagne "so konservativ, so altbacken" erschienen sei. Dass die Jungwählerinnen und - wähler an der Wahlurne kaum für die SPD oder CDU/CSU zu begeistern seien, bedeute, dass diese beiden ohnehin in einem "Schrumpfprozess" steckenden "Volksparteien" aufpassen müssten, dass "der Zug nicht ohne sie abfährt, was die Jugend anbelangt".

FDP: Geschickte Corona-Politik

Ein weiterer Pluspunkt der FDP sei gewesen, dass sie sich in Fragen der Corona-Politik "sehr geschickt, ohne fundamental gegen Corona zu sein", zumindest "ein Stück weit" als Oppositionspartei in Stellung gebracht habe. Hier locke die FDP mit der Versuchung nach einem möglichst verzichtfreien "Konsummodell, an das sich gerade die jüngere Generation gewöhnt" habe - und das "sei natürlich bei weitem höher als das, was fühere Generationen kannten", stellte von Lucke fest.

Die Brücke für Habeck und Lindner

Die FDP setze im Einklang mit der Einstellung vieler Jugendlicher gesellschaftspolitisch auch auf Themen wie Digitalisierung, Diversität und einen freiheitlich geprägten Kurs in gesellschaftspolitischen Fragen. "Das ist übrigens auch die Brücke, über die Habeck und Lindner jetzt gehen wollen", sagte von Lucke.

FDP und Grüne geben den Takt vor
Audio [SR 2, Uli Hauck, 28.09.2021, Länge: 02:59 Min.]
FDP und Grüne geben den Takt vor
Nach der Bundestagswahl sieht SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (25,7 Prozent) den Regierungsauftrag klar bei sich und strebt ein Ampel-Bündnis mit den Grünen und der FDP an. Unionskandidat Armin Laschet (24,1 Prozent) bietet trotz dramatischer Verluste eine Jamaika-Koalition mit den beiden an. Letztlich entscheiden damit die weit abgeschlagenen Parteien Grüne (14,8) und FDP (11,5) über die Kanzlerschaft. In Sachen Steuern, Finanzen und Klimaschutz verfolgen FDP und Grüne völlig unterschiedliche Ansätze; bei Bildung, Digitalisierung und Bürgerrechten liegen sie aber nicht allzu weit auseinander. Am Mittwoch, 29. September, soll das erste Treffen der beiden Königsmacher stattfinden, um zunächst die Gemeinsamkeiten auszuloten. SR-Hauptstadtkorrespondent Uli Hauck zum Stand der Dinge am Morgen des 28. September.


Mehr zur Bundestagswahl im Archiv:

Albrecht von Lucke: "Wir werden eine Ampel-Koalition bekommen"
Audio [SR 3, Interview: Gerd Heger / Albrecht von Lucke, 27.09.2021, Länge: 05:19 Min.]
Albrecht von Lucke: "Wir werden eine Ampel-Koalition bekommen"
Tag eins nach der Bundestagswahl 2021: Die SPD liegt vor der Union, die deutlich verloren hat. Die Grünen sind drittstärkste Kraft, die FDP in der Rolle der Königmacher. Welche KoaIition scheint am wahrscheinlichsten? Im SR-Interview bezeichnet der Politikwissenschaftler Albrecht von Lucke das Ergebnis als eine krachende Wahlniederlage für die Union und schließt das Zustandekommen einer Jamaika-Koalition aus.

Bundestagswahl 2021
"Bundeskanzler Scholz ist keine ausgemachte Sache"
Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dirk van den Boom sieht am Morgen nach der Wahl die Wahrscheinlickeit einer Jamaika-Koalition unter Armin Laschet als "ein bisschen wahrscheinlicher" an als eine rot-grün-gelbe Ampel unter Olaf Scholz. Es komme allerdings darauf an, ob es Laschet gelingen werde, "das gut zu moderieren", so van den Boom im SR-Interview.

Hauptstadtkorrespondentin Nina Amin am Morgen nach der Bundestagswahl
Jamaika oder Ampel im Reichstag?
Für ARD-Hauptstadtkorrespondentin Nina Amin ist am Morgen nach der Bundestagswahl die Frage nach einem künftigen Regierungsbündnis "noch komplett offen". Klar sei lediglich, dass die Liberalen und die Grünen "auf alle Fälle ein sehr großes Gewicht" bekommen hätten, so Amin im SR-Interview.

Bundestagswahl 2021
Deutschland zwischen Wechselwunsch und Kontinuität
Der Parteienforscher Thorsten Faas sieht das Ergebnis der Bundestagswahl als den Auftakt für ein "strategisches Spiel" um ein Dreierbündnis. Während die jüngeren Wählergruppen ihrem Wunsch nach einem neuen Kurs Ausdruck verliehen hätten, existiere in den Reihen der SPD allerdings kein "überbordender Wunsch nach einem radikalen Wandel", so Faas im SR-Interview.

Bundestagswahl 2021
SPD gewinnt vor Union
Die SPD ist der Gewinner der Bundestagswahl. Nach Auszählung aller Wahlkreise liegt sie mit 25,7 Prozent vor der Union, die 24,1 erreicht. Die Grünen werden drittstärkste Kraft und erreichen 14,8 Prozent. Die Linke liegt bei 4,9 Prozent.

Die Wahl aus saarländischer Sicht
Bundestagswahl 2021
Alle Informationen zur Bundestagswahl 2021 aus saarländischer Sicht auf einen Blick. Wer tritt an, wie funktioniert die Wahl, was denken junge und ältere Wählerinnen und Wähler? Die Übersicht.


Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 28.09.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt FDP-Chef Christian Lindner bei einem Wahlkampfauftritt in Saarbrücken (Archivfoto: SR Fernsehen).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja