Lafontaine im Landtag am 8.01.2021 (Foto: SR)

Schwere Zeiten für "Die Linke"

Ein Kommentar zum angekündigten Rückzug von Oskar Lafontaine aus dem Landtag

Michael Thieser. Onlinefassung: Rick Reitler   28.09.2021 | 07:30 Uhr

Oskar Lafontaine will bei der kommenden Landtagswahl im Saarland nicht mehr antreten. Ob nun mit oder ohne Lafontaine - seine Partei "Die Linke" geht schweren Zeiten entgegen, meint SR-Landespolitikchef Michael Thieser. Denn der Protest in Deutschland habe inzwischen eine andere Adresse. Ein Kommentar.

Es ist ein trauriger und vor allem bitterer Abschied für jemanden, der fünf Jahrzehnte die Geschicke in Deutschland mitgeprägt und zu den schillerndsten Figuren der deutschen Politik nach dem zweiten Weltkrieg gehörte: Die Ankündigung Oskar Lafontaines, im kommenden Jahr nicht mehr für den Landtag zu kandidieren, bedeutet, dass er sich endgültig aus der ersten Reihe der deutschen Politik zurückzieht. Mit 78 Jahren kein absolut überraschender Schritt, aber wie immer bei Lafontaine, am Ende doch mit einem Donnern verbunden.

Die britische Sun bezeichnetet ihn dereinst als "The most dangerous men", er war Bundesfinanzminister, Ministerpräsident, Oberbürgermeister und am Ende seiner Karriere nochmals Fraktionschef im saarländischen Landtag.

Machtwort wäre überfällig gewesen

Den Schlussakkord bildet nun ein Machtkampf mit dem Bundestagsabgeordneten der Saar-Linken, Thomas Lutze. Es geht um gefälschte Unterschriften und manipulierte Mitgliederlisten, die Oskar Lafontaine nunmehr dazu bewogen haben, zu sagen, das war’s!  

Kommentar: Schwere Zeiten für "Die Linke"
Audio [SR 2, Michael Thieser, 28.09.2021, Länge: 02:52 Min.]
Kommentar: Schwere Zeiten für "Die Linke"

Thomas Lutze bestreitet die gegen ihn erhobenen Vorwürfe, die Staatsanwaltshaft ermittelt, bewiesen ist bis dato noch nichts. Im Grunde ein lächerlicher Vorgang; ein unwürdiges hin und her, bei dem ein Machtwort seitens der Basis längst überfällig gewesen wäre.

Die Linke im Saarland hat Lafontaine so gut wie alles zu verdanken. Er hat sie aus dem Stand und bei allen Wahlen zu zweistelligen Ergebnissen geführt. Auf der anderen Seite war sein Führungsstil immer umstritten.

Geschätzt, geliebt, gefürchtet und verteufelt

Oskar Lafontaine wurde im Laufe seiner Polit-Karriere geschätzt, geliebt, gefürchtet und verteufelt, und niemand weiß dies besser als seine ehemaligen Genossen in der SPD. Sein Rücktritt als Parteivorsitzender im Jahre 1999, der Machtkampf mit Gerhard Schröder und der anschließende Niedergang der Sozialdemokratie haben sich für immer in das Gedächtnis eingebrannt. Was folgte, waren weitere Auseinandersetzungen, diesmal bei den Linken, u. a. über die Ausrichtung der deutschen Außenpolitik, Zuwanderung und die Frage ob und wann Kompromisse und der Eintritt in eine Regierung gerechtfertigt sind.

Das Resultat kann jeder besichtigen. Wenn die Linke keine Machtoption hat, verliert sie letztlich ihre Funktion, wird nicht mehr gebraucht und nicht mehr gewählt.

Würdiger Zeitpunkt verpasst

Der jetzige Schritt und der Verzicht Lafontaines auf eine erneute Landtagskandidatur haben sich ansonsten – zumindest für Insider - schon länger angedeutet. Der 78-jährige ist nur noch bei Plenarsitzungen präsent, an Ausschüssen oder sonstigen Gremiensitzungen des Landtags nimmt er schon länger nicht mehr teil. Seine Redebeiträge im Plenum werden dennoch viele vermissen.

Ein Sprichwort sagt, man soll aufhören, wenn es am schönsten ist oder wenn man das Gefühl hat, nichts mehr bewegen zu können. Lafontaine hat dieses Gefühl offenbar nie gehabt und vielleicht auch deshalb den richtigen Zeitpunkt und einen besseren Abgang verpasst.

Protestadresse AfD

Die Partei "Die Linke" geht jedenfalls schweren Zeiten entgegen, mit und ohne Oskar Lafontaine, sowohl im Bund als auch im Saarland. Das schlechte Abschneiden bei der Bundestagswahl und das erneut zweistellige Ergebnis für die AfD zeigen, dass der Protest in Deutschland inzwischen eine andere Adresse hat.

Ein Kommentar von Michael Thieser


Der andere Blickwinkel:

"Anfang vom Abschied Lafontaines aus Politik"
Audio [SR 3, Janek Böffel, 27.09.2021, Länge: 02:09 Min.]
"Anfang vom Abschied Lafontaines aus Politik"
Oskar Lafontaine will bei der kommenden Landtagswahl im Saarland nicht mehr antreten. Für den Linken-Politiker ist es der Anfang vom Abschied aus der aktiven Politik, findet SR-Landespolitikredakteur Janek Böffel in seinem Kommentar.


Hintergrund:

Wegen Konflikt mit Thomas Lutze
Lafontaine tritt nicht mehr für Landtag an
Linken-Politiker Oskar Lafontaine will bei der Landtagswahl kommenden März im Saarland nicht mehr antreten. Hintergrund ist der parteiinterne Streit mit Thomas Lutze. Lafontaine ist zurzeit Fraktionsvorsitzender der Linken im Landtag.

Streit eskaliert: Lafontaines Rückzug
Audio [SR 3, (c) SR Hannah Stumpf, 27.09.2021, Länge: 03:13 Min.]
Streit eskaliert: Lafontaines Rückzug
Die Bundestagswahl hat auch im Saarland für ordentlich Wirbel gesorgt. Alle vier Direktmandate gehen an die SPD. Ein historisch schlechtes Wahlergebnis für die CDU auch speziell hier im Saarland. Und richtig dicke kommt es jetzt bei den Saar-Linken. Da wurde im Streit zwischen Fraktion und Partei die nächste Eskalationsstufe gezündet.


Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 28.09.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Oskar Lafontaine bei einer Rede im saarländischen Landtag am 8. Januar 2021 (Foto: SR Fernsehen).

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