Deutschland zwischen Wechselwunsch und Kontinuität

Deutschland zwischen Wechselwunsch und Kontinuität

Ein Gespräch mit dem Parteienforscher Thorsten Faas, FU Berlin, am Morgen nach der Bundestagswahl

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   27.09.2021 | 08:45 Uhr

Der Parteienforscher Thorsten Faas sieht das Ergebnis der Bundestagswahl als den Auftakt für ein "strategisches Spiel" um ein Dreierbündnis. Während die jüngeren Wählergruppen ihrem Wunsch nach einem neuen Kurs Ausdruck verliehen hätten, existiere in den Reihen der SPD allerdings kein "überbordender Wunsch nach einem radikalen Wandel", so Faas im SR-Interview.

Der Berliner Parteienforscher Thorsten Faas geht am Morgen nach der Bundestagswahl davon aus, dass die künftige Bundesregierung aus drei Parteien bestehen wird: "Entweder Jamaika oder Ampel" sehe er als deutlich wahrscheinlicher an als eine erneute "Große Koalition". Letztere sei für ihn höchstens "eine allerletzte Option", sagte Faas im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue.

Startschuss für "strategisches Spiel"

Nun werde "ein strategisches Spiel" zur Frage beginnen, wem es gelingen werde, "die Mehrheit zu organisieren" und diese "im Lichte des Wahlergebnisses, im Lichte der Umfragen" zu kommunizieren. Er empfahl, nun besonders genau hinzuhören, wie sich speziell die Grünen und die FDP äußern werden.

Jüngere für Wandel, Ältere für Kontinuität

Klar sei, dass es nach der Ära Merkel zwar zu einem Wechsel kommen werde, zugleich aber "eine gewisse Kontinuität" gewählt worden sei. Während die jüngeren Wählergruppen wohl einen neuen Politikkurs anstrebten, gebe es in den Reihen der mit 25,7 Prozent stärksten Partei SPD allerdings keinen "überbordenden Wunsch nach einem radikalen Wandel", gab Faas zu bedenken.

AfD relativ stabil

Bei vielen Parteien gebe es zudem "bemerkenswerte Ost-West-Unterschiede" im Wählerverhalten, stellte Faas fest: So habe beispielsweise die AfD trotz ihrer weniger bekannten und weniger überzeugenden Wahlkämpfer Alice Weidel und Tino Chrupalla und trotz eines thematisch schwierigen Umfelds mit über zehn Prozent der Stimmen insgesamt ein "akzeptables und respektables" Ergebnis eingefahren. Bei der AfD verfestige sich wohl ein Kern von Stammwählerinnen und Stammwählern. Es sei "naiv zu glauben, dass die Partei kurzfristig" verschwinde - "im Gegenteil", sagte Faas.


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Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 27.09.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt das vorläufige Endergebnis der Bundestagswahl, Stand 27.09.2021 5:02 Uhr (Grafik: Infratest dimap).

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