"Bundeskanzler Scholz ist keine ausgemachte Sache"

"Bundeskanzler Scholz ist keine ausgemachte Sache"

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dirk van den Boom am Morgen nach der Bundestagswahl

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   27.09.2021 | 07:15 Uhr

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dirk van den Boom sieht am Morgen nach der Wahl die Wahrscheinlickeit einer Jamaika-Koalition unter Armin Laschet als "ein bisschen wahrscheinlicher" an als eine rot-grün-gelbe Ampel unter Olaf Scholz. Es komme allerdings darauf an, ob es Laschet gelingen werde, "das gut zu moderieren", so van den Boom im SR-Interview.

Am Morgen nach der Bundestagswahl liegen die Sozialdemokraten mit ihrem Spitzenkandidaten Olaf Scholz deutschlandweit 1,6 Prozentpunkte vor der Union. Die SPD konnte ihren Vorsprung aus den Umfragen der letzten Wochen damit gerade so über die Ziellinie retten.

Für den Politikwissenschaftler Prof. Dr. Dirk van den Boom hat die SPD "diesmal erstaunlich viel richtig gemacht": Der gesamte Wahlkampf mit "Stillhalteabkommen" und "ohne Heckenschützen" habe funktioniert. Auch "Teflon-Kandidat" Olaf Scholz habe vieles richtig gemacht: "An dem ist alles abgeperlt", sagte van den Boom, "er wirkte ruhig und souverän, was von den beiden anderen der Konkurrenz nicht immer zu behaupten war".

Jamaika "ein bisschen wahrscheinlicher"

Trotzdem sehe er eine schwarz-grün-gelbe Jamaika-Koalition im Bund als "ein bisschen wahrscheinlicher" als die rot-grün-gelbe Ampel: "Bundeskanzler Scholz ist keine ausgemachte Sache", gab van den Boom zu bedenken. Dabei werde "sehr viel davon abhängen", ob es Laschet gelingen werde, "das gut zu moderieren".

Eine "große Koalition" allein aus SPD und Union sei zwar unwahrscheinlich, aber "nicht unmöglich". Von daher gehe er davon aus, dass FDP und Grüne bei den Bündnisverhandlungen "sehr, sehr vorsichtig agieren" werden.

SPD im Saarland profitiert von Grünen-Fauxpas

Dass im Saarland alle vier Direktmandate an die SPD gegangen seien, liege wohl vor allem daran, dass die Grünen nicht mit einer Landesliste für die Zweitstimmen hätten antreten dürfen. Von deren potenziellen Stimmen seien "die meisten wohl an die SPD" und auch an die Tierschutzpartei gegangen, die im Saarland immerhin fast drei Prozent geholt habe. Insgesamt habe die Stimmung im Saarland wohl eher dafür gesprochen, dass die Menschen den Kanzlerkandidaten der Union, Armin Laschet, "vielleicht nicht als die ideale Wahl" empfunden hätten.

Warten auf die Landtagswahl

Wenn Bündnis 90/Die Grünen im Saarland es nun nicht schaffen würden, bis zur Landtagswahl im Frühjahr 2022 "ein geschlossenes Bild - programmatisch wie personell - darzustellen", sei damit zu rechnen, "dass erneut Grünen-Wählerinnen und Wähler lieber bei der SPD ihr Kreuz" machten, so van den Booms Einschätzung.

Die andere Meinung:

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Ein Thema aus der Sendung "Der Morgen" vom 27.09.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Wahlplakate mit den Kanzlerkandidaten Olaf Scholz (SPD, r.), und Armin Laschet (CDU) - Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld.

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