Afghanistan: Demnächst alle zusammen gegen den IS?

Demnächst alle zusammen gegen den IS?

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Fröhlich, Universität Erlangen-Nürnberg, über die Lage in Afghanistan einen Tag vor dem Abzug der US-Truppen

Kai Schmieding. Onlinefassung: Rick Reitler   30.08.2021 | 07:45 Uhr

Der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Fröhlich sieht momentan einen Bürgerkrieg oder sogar eine Zusammenarbeit der Taliban mit den USA gegen den IS als das wahrscheinlichste Szenario für die nahe Zukunft Afghanistans. Entscheidend seien die Pläne von China und Russland, so Fröhlich im SR-Interview.

Noch bis einschließlich zum 31. August 2021 wollen US-Streitkräfte für die Evakuierung möglichst vieler afghanischer Flüchtlinge aus Kabul sorgen - dananch wird das Land abmachungsgemäß unter die Hoheit der Taliban fallen. Seit dem 27. August ist nun auch noch die IS involviert: Ihren Anschlägen am Flughafen antworten die Amerikaner mit gezielten Gegenschlägen.

Erneut Allianz USA/Taliban?

Momentan sei unklar, wie die Taliban letztlich regieren wollten, sagte der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Fröhlich von der Universität Erlangen-Nürnberg im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding.

Die "Durchschnittsafghanen" auf dem Land wünschten sich wohl mehrheitlich, dass unter den Taliban bald wieder so etwas wie Sicherheit einkehren werde. Die Bevölkerung in den Städten dagegen habe "andere Hoffnungen gehabt", wie etwa, "in den Westen aufzubrechen". Seiner Einschätzung nach sei allerdings ein Bürgerkrieg oder sogar eine Zusammenarbeit der Taliban mit den USA sei auch wegen des "Wiedererstarken" des Islamischen Staats (IS) unter Berücksichtigung der Interessen der "internationalen Staatengemeinschaft" das wahrscheinlichste Szenario für die nahe Zukunft.

Immerhin seien die Taliban in den vergangenen Jahren auch schon "hier und da gemeinsam mit den Vereinigten Staaten gegen den IS vorgegangen" und hätten dabei so etwas wie "die neuen Bodentruppen der Amerikaner" dargestellt. "Der IS ist eine vielleicht noch viel größere Bedrohung für die Taliban als es die Amerikaner sind", stellte Fröhlich klar.

Wie reagieren China und Russland?

Das Zeitalter der sogenannten "humanitären Interventionen" für "Stabilität" und "Demokratie" sei aus seiner Sicht vorbei: "Wir werden auf jeden Fall einen pragmatischeren Ansatz sehen", sagte Fröhlich voraus, "und viel wird davon abhängen, wie Amerika und Europa auch wieder zusammenfinden". Immerhin habe der "einseitige Rückzug der Biden-Administration" einen "Streit in die Allianz getrieben".

Bei all dem werde entscheidend sein, wie Russland und China agieren werden, die schon "seit Langem hinter den Kulissen" bereit stünden. Amerika und Europa seien jedenfalls "längst nicht mehr die Einzigen, die allein diesem Land Stabilität verheißen" könnten, gab Fröhlich zu bedenken. Denn "Geld und Entwicklungshilfe" könnten auch andere Mächte anbieten.


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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 30.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben vom 27.08.2021 zeigt US-Soldaten im Dienst der Joint Task Force-Crisis Response beim Transport eines Sarges für die während der Operationen am Hamid Karzai International Airport in Kabul getöteten Kameraden (Foto: picture alliance/dpa/U.S. Marine Corps via AP | 1st Lt. Mark Andries).

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