Mitglieder des litauischen Grenzschutzdienstes patrouillieren an der Grenze zu Belarus. (Archivbild) (Foto: picture alliance/dpa/Mindaugas Kulbis)

"Man hat nur Angst, politisch alleingelassen zu werden"

SR2-Moderator Stephan Deppen im Gespräch mit Peer Krumrey, Friedrich-Ebert-Stiftung Baltikum über die Lage an der litauisch-belarussischen Grenze

Carolin Dylla   12.08.2021 | 18:56 Uhr

Der belarussische Staatschef Lukaschenko hat die Schließung der Grenze zu Litauen angeordnet. Er will damit verhindern, dass das Nachbarland Migranten zurückschickt – ein vorläufiger Höhepunkt des seit Langem schwelenden Konflikts. Peer Krumrey, der das Regionalbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung im Baltikum leitet, wünscht sich eine „erwachsenere Debatte“ der Lage in den baltischen Staaten.

Erwachsen heiße in dem Zusammenhang nicht, dass die Debatte völlig entspannt ablaufe so Krumrey – wohl aber, dass die Situation vielschichtiger und aus mehr Perspektiven diskutiert werde, als er es in den deutschen Medien wahrnehme.

Große Solidarität

Interview mit Peer Krumrey
Audio [SR 2, Stephan Deppen / Peer Krumrey, 12.08.2021, Länge: 06:23 Min.]
Interview mit Peer Krumrey

Die politische Dimension der Lage werde nicht entspannt diskutiert – auf der gesellschaftlichen Ebene gebe es keinen Diskurs der Überforderung durch die große Zahl von Geflüchteten. Krumrey beobachtet vielmehr eine große Solidarität der Litauer mit diesen Menschen. Viele seien der Ansicht, dass Litauen als Teil der EU verantwortlich mit der Situation umgehen müsse.

Gleichzeitig habe Litauen aber die Befürchtung, in der Lage politisch allein gelassen zu werden. „Litauen versteht sich als die Speerspitze der europäischen Solidarität an der östlichen Flanke,“ sagt Krumrey.

Lukaschenko als manipulativ wahrgenommen

Die Bevölkerung in den baltischen Staaten habe von Beginn an große Solidarität mit der Demokratiebewegung in Belarus gezeigt, so Krumrey. Diese werde als Gegenbewegung zum als manipulativ wahrgenommenen Verhalten von Lukaschenko gesehen.

Zugleich hätten die Menschen einen „guten Zugang zu belarussischen Befindlichkeiten“, es gebe viele persönliche Kontakte, auf die man aufbauen könne. Das könne auch helfen, die Beziehungen zwischen der EU und Belarus zu verbessern.

Politische Eiszeit

„Belarus ist auch Teil dieser geschichtlich-regionalen Einheit“, so Krumrey. Politisch bestehe natürlich eine Eiszeit – auf der persönlichen Ebene gebe es aber „unglaublich enge Verbindungen“ zwischen Lettland, Litauen und Belarus.

Diese Erfahrungen der baltischen Staaten müssten in der EU stärker wahrgenommen und beachtet werden, wenn die EU ihre Beziehungen zu Belarus mittelfristig wieder entspannen wolle.


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Abend" vom 12.08.2021 auf SR 2 KulturRadio.

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