"GDL-Forderungen absolut angemessen"

"GDL-Forderungen absolut angemessen"

Ein Gespräch mit dem Wirtschaftsjournalisten Thomas Wüpper über den Streik der Lokführer-Gewerkschaft GDL

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   11.08.2021 | 08:45 Uhr

Der Wirtschaftsjournalist Thomas Wüpper hat im SR-Interview nicht mit Kritik am "DB-Konzern" und an der Politik gespart: Die Forderungen der Lokführer-Gewerkschaft GDL seien angemessen. Überhaupt müsse dringend eine "Bahnreform II" her, um den "ineffizienten und ausgeuferten Staatskonzern DB" neu aufzustellen.

Seit dem Morgen des 11. August 2021 geht nicht mehr viel im bundesdeutschen Bahn-Fernverkehr: Die in der Gewerkschaft GDL organisierten Lokführerinnen und Lokführer streiken erstmals seit sechs Jahren wieder. Vorerst nur für 48 Stunden. Auch im Nahverkehr kann es zu Einschränkungen kommen.

Staatskonzern gegen Lohnerhöhung

Es geht um eine Lohnerhöhung um insgesamt 3,2 Prozent in zwei Schritten bei einer Laufzeit von 28 Monaten. Der Wirtschaftsjournalist Thomas Wüpper kann den Unmut der Streikenden gut verstehen: "Diese Forderungen sind nach meiner Sicht angemessen, werden vom Staatskonzern aber abgelehnt", sagte Wüpper im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx. Kritiker aus den Reihen des DB-Konzerns und der Konkurrenzgewerkschaft EVG machten die GDL jetzt zum "willkommenen Sündenbock". Dabei sei der entscheidende Punkt, dass die Betroffenen in diesem Jahr überhaupt keine Lohnerhöhung bekommen sollten.

Mehr Anerkennung geboten

Dass sich die Lokführerinnen und Lokführer dagegen wehrten, sei gerade jetzt verständlich. Immerhin sorgten die Lokführerinnen und Lokführer auch in Corona-Zeiten dafür, dass die Gesellschaft mobil bleibe, während andere nur im Home-Office säßen. Dafür müsse es eine Anerkennung - zum Beispiel in Form einer Prämie - geben, wie sie die GDL auch zurecht einfordere, meinte Wüpper.

Verkehrspolitik "schlicht ein Skandal"

Es sei allein die Politik, die "den Schlüssel für den Tariffrieden in der Hand" halte. Überhaupt sei es "schlicht ein Skandal", wie die Politik die Bahn und den Schienenverkehr jahrzehntelang vernachlässigt habe. Nach wie vor gebe es "viel zu wenig Geld für den Aus- und Neubau", und die Infrastruktur leide unter einem "Sanierungsstau" in Höhe von 50 Milliarden Euro, sagte Wüpper. Es müsse dringend eine Bahnreform II her, die den "ineffizienten und ausgeuferten Staatskonzern DB" neu aufstellen müsse - sonst bleibe die DB "ein Fass ohne Boden" und ein "wirklich fairer Wettbewerb weiterhin nur ein Wunschtraum".


Der SR 2-BuchTipp:

Thomas Wüpper
Betriebsstörung. Das Chaos bei der Bahn und die überfällige Verkehrswende

Ch. Links Verlag 2019
264 Seiten. 15,00 Euro.
ISBN: 978-3-96289-052-0


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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 11.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben vom 11. August 2021 zeigt Fahrgäste beim Warten auf eine Zugverbindung (Foto: picture alliance/dpa | Julian Stratenschulte).

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