80 oder 90 Prozent Impfquote "nicht realistisch"

80 oder 90 Prozent Impfquote "nicht realistisch"

Ein Gespräch mit Dr. Christoph Specht, Arzt und Medzinjournalist, über die Ergebnisse der Bund-Länder-Konferenz zur Corona-Politik am 10. August 2021

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   11.08.2021 | 07:45 Uhr

Der Arzt und Medzinjournalist Dr. Christoph Specht hält eine Impfquote von über 80 Prozent in Deutschland für nicht realistisch. Im SR-Interview empfahl er die Impfung trotzdem als eine "Art vorweggenommener Therapie". Mit den Inzidenzzahlen als alleinigem Maßstab sei "die Pandemie" aber "nicht in den Griff" zu bekommen.

Nach der Ministerpräsidentenkonferenz vom 10. August 2021 steht fest: Die Regierungen in Bund und Ländern wollen Menschen, die zwar gesund, aber ungeimpft sind, nicht nur weiter ihre Grundrechte vorenthalten, sondern ihnen ihr Leben noch schwerer machen: Schon ab einem Inzidenzwert von 35 müssen sie sich für bestimmte Momente der Teilhabe am öffentlichen Leben testen lassen - und diese Tests ab dem 11. Oktober aus eigener Tasche bezahlen.

"Das schaffen wir nicht"

Durch diesen Druck soll die Quote der Geimpften nach dem Willen von Kanzlerin Merkel auf mindestens 80 Prozent ansteigen. Für den Arzt und Medizinjournalisten Dr. Christoph Specht ein unmögliches Vorhaben: "Das schaffen wir nicht", stellte Specht im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx klar, "wir werden mit 60 Prozent leben müssen".

Die Impfbereitschaft werde zwar wohl "noch ein bisschen hochgehen, aber nach meiner Einschätzung werden wir niemals die 80 oder gar die für die so genannte Herdenimmunität zu erreichenden 90 Prozent bekommen". Von daher sei die ganze Idee einer Herdenimmunität "vom Tisch".

Impfung als "vorweggenommene Therapie"

Specht stellte klar, dass die SARS-CoV-2-Impfung nicht unbedingt vor einer Infizierung schütze. Er gehe davon aus, dass auch doppelt Geimpfte sich wegen der Varianten in Zukunft "ziemlich sicher" infizieren würden. Die Gefahr liege dabei weniger in der Infizierung selbst als in einem "schweren Verlauf", den aber gerade eine Impfung "immer noch sehr gut verhindern" könne, meinte Specht. Die Impfung müsse man von daher nicht als Schutz vor Infektion, sondern als eine "Art vorweggenommener Therapie" betrachten.

Inzidenzzahlen allein untauglich

Dass die Inzidenzzahlen für die Entscheidungen in der Corona-Politik nicht ausreichten, pfiffen die Spatzen "seit Monaten" von den Dächern, kritisierte Specht. Er verwies auf einen Vorschlag der Deutschen Krankenhausgesellschaft, die als Alternative eine "Zwölf-Parameter-Formel" auf den Tisch gebracht habe. Diese Formel berücksichtige auch Faktoren wie das Alter der Getesten, die Frage, ob ein Krankenhaus-Patient geimpft oder ungeimpft sei oder auch den Sachverhalt, ob ein Patient überhaupt wegen Corona-Symptomen "oder - was ganz häufig vorkommt - wegen ganz anderer Geschichten" im Krankenhaus gelandet sei. Berücksichtige man diese und weitere Parameter nicht, lasse sich "die Pandemie nicht in den Griff bekommen", so Specht.

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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 11.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Markus Söder (CSU), Ministerpräsident von Bayern, am 10. August 2021 nach der Ministerpräsidentenkonferenz zur Corona-Politik (Foto: picture alliance/dpa/Reuters/Pool | Christian Mang).

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