Bundeskanzleramt Berlin (Foto: Pixabay / PixelAnarchy)

Wenig neue Konzepte, mehr Druck auf Ungeimpfte

Ein Gespräch mit ARD-Hauptstadtkorrespondentin Vera Wolfskämpf am Morgen vor der Bund-Länder-Konferenz zur Corona-Politik

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   10.08.2021 | 07:15 Uhr

Nach einer aktuellen Beschlussvorlage für die Corona-Konferenz von Bund und Ländern soll es wohl keinen harten Lockdown mehr in Deutschland geben - wohl aber mehr Druck auf ungeimpfte Menschen. Was steht uns noch bevor? Ein Interview mit Berlin-Korrespondentin Vera Wolfskämpf.

Während Dänemark bereits eine klare Exit-Strategie aus den Corona-Maßnahmen festgezurrt und Schweden von Anfang an völlig auf harte Lockdowns verzichtet hat, wollen die Regierenden in Bund und Ländern in Deutschland offenbar noch sehr lange an strengen Vorschriften für ihre Bürgerinnen und Bürger festhalten.

Grundeinschränkungen ja, Lockdown nein?

Was kommt noch auf uns zu?
Audio [SR 2, Jochen Marmit / Vera Wolfskämpf, 10.08.2021, Länge: 05:06 Min.]
Was kommt noch auf uns zu?

Nach dem Entwurf einer Beschlussvorlage für den Corona-Gipfel von Bund und Ländern am 10. August 2021 soll es bis auf Weiteres bei Maskenpflicht, Abstandsregeln und Hygienekonzepten für Veranstaltungen bleiben, bestätigte Hauptstadt-Korrespondentin Vera Wolfskämpf im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit.

Andererseits aber sei vor dem Hintergrund der nahenden Bundestagswahl das Interesse der Politik wohl nicht sonderlich groß, die Leute weiter mit einem verschärften Lockdown "zu verprellen", so Wolfskämpf.

"Keine wirklichen Konzepte" für die Schulen

Insgesamt habe man das Gefühl, dass in Berlin weniger die Vorbereitung auf den Herbst eine Rolle spiele als vielmehr "die Reaktion" im Mittelpunkt der deutschen Strategie stehe. Gerade für den Schulunterricht gebe es nach wie vor "keine wirklichen Konzepte", sagte Wolfskämpf: "Hier steht wieder nur drin: 'Schutzkonzepte - Regelmäßig testen'".

Druck auf Ungeimpfte erhöhen

Weit mehr Gedanken mache man sich in Berlin offenbar um die Frage, wie künftig mit gesunden, aber ungeimpften Bürgerinnen und Bürgern umgegangen werden solle.

Hans unterstützt Pläne
Corona-Gipfel berät über weiteres Vorgehen
Saar-Ministerpräsident Tobias Hans unterstützt die Forderung nach dem Ende der kostenlosen Schnelltests für ungeimpfte Menschen.

Deren Leben wolle Berlin wohl deutlich schwieriger gestalten, bestätigte Wolfskämpf: Ab Oktober sollen ungeimpfte Menschen laut Entwurf beispielsweise die Kosten für ihre Tests selbst tragen, wenn nicht das Alter, eine Schwangerschaft oder andere gesundheitliche Gründe gegen eine Impfung sprächen.

Inzidenzwert bleibt Maßstab

Trotz anderslautender Überlegungen, die noch vor wenigem Wochen von Gesundheitsminister Spahn und Länderchefs wie Tobias Hans geäußert wurden, sollen die Inzidenzwerte nun doch noch immer "die maßgebliche Zahl" für die Corona-Politik der Regierung Merkel bleiben, sagte Wolfskämpf - aber auch andere Faktoren wie der Grad der Hospitalisierung, der Schweregrad von Krankheitsverläufen oder die Impfquote könnten demnächst stärker gewichtet werden.

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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 10.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt das Bundeskanzleramt in Berlin (Foto: Pixabay / PixelAnarchy).

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