Kommentar: "Jetzt wird an der Kompetenz der Experten gekratzt"

"Jetzt wird an der Kompetenz der Experten gekratzt"

Ein Kommentar von Eva Ellermann, ARD-Hauptstadtstudio

Onlinefassung: Rick Reitler   03.08.2021 | 08:15 Uhr

Mit der Nicht-Beachtung der Empfehlung der Ständigen Impfkommission, 12- bis 17-Jährige vorerst noch nicht zu impfen, untergräbt die Politik das Wissen genau jenes Expertengremiums, auf das es sich monatelang gerne berief. Damit verspielt die Politik Vertrauen und lenkt von eigenen Versäumnissen ab, meint Eva Ellermann in ihrem Kommentar.

Mit ihrem Beschluss, nun auch Kindern im Alter zwischen 12 und 17 Jahren ein "Impfangebot" zu machen, haben sich die Gesundheitsminister der Länder über die ausdrückliche Empfehlung der Ständigen Impfkommission (StiKo) hinweggesetzt. Die Stiko rät von solchen Impfungen ab - mangels Datenlage für Folgeschäden.

Verwirrung und Vertrauensverlust

Damit zählt das Wissen des Expertengremiums, auf dessen Aussagen die Gesundheitspolitik monatelang gerne ihre Impfpolitik stützte, offensichtlich nicht mehr viel. "Bund und Länder reagieren hektisch - erst bei den Reiserückkehrern, jetzt bei den Impfungen", meint Eva Ellermann vom ARD-Hauptstadtstudio: "Die Politik macht Druck, hinterlässt Verwirrung und verspielt Vertrauen".

"Billig und gefährlich"

Es gebe zwar "gute Gründe" für die Ausweitung der Impfkampagne auf Menschen über zwölf Jahren, andererseits aber sei es "billig und gefährlich, die Fachkompetenz der Experten zu untergraben". Es könne nicht sein, dass "das Bundesgesundheitsministerium und die Länder die Ständigen Impfkommission unter Druck setzen, während sie selbst die nötigen Vorbereitungen an den Schulen verschlafen", so Ellermann. Denn nach all den Monaten der Krise existierten immer noch keine "flächendeckenden Lüftungskonzepte".


Der andere Blickwinkel:

Impfangebote für 12- bis 17-Jährige beschlossen
Gesundheitsminister setzen sich über STIKO hinweg
Hinter dem Beschluss der Gesundheitsminister, trotz Bedenken der Ständigen Impfkommission (STIKO) auch 12- bis 17-Jährigen ein Impfangebot zu machen, steht nach Ansicht von ARD-Korrespondent Markus Sambale auch eine gewisse Ratlosigkeit. Die STIKO habe bereits angekündigt, Ihre Empfehlung "aktualisieren" zu wollen.

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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 03.08.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Dr. Thomas Mertens, den Vorsitzenden der Ständigen Impfkommission (StiKo) (Foto: picture alliance/dpa | Kay Nietfeld).

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