Rund 100 Teilnehmer bei einer Corona-Demonstration gegen Verschwörungstheorien in Saarbrücken. (Foto: Thomas Gerber / SR)

Über den Umgang mit "verqueren Denkern"

Ein Gespräch mit dem Rechtsextremismus-Experten Andreas Speit

Sally-Charell Delin. Onlinefassung: Rick Reitler   28.07.2015 | 14:35 Uhr

Der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit empfiehlt für das Gespräch mit Anhängerinnen oder Anhängern eines "Verschwörungsnarrativs", "nicht in eine Fakten orientierte Ebene" hineinzugehen, sondern besser den "emotionalen Zugang zu suchen". Ein Interview.

Der Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit ("Verqueres Denken – Gefährliche Weltbilder in alternativen Milieus") ist davon überzeugt, dass es viele Überschneidungen zwischen Anhängerinnen und Anhängern alternativer Lebensentwürfe gibt - etwa Veganern, Waldorfschulfans oder Tierschützern und Rechtsextremen.

Kritiker der Moderne

Ein Interview
Audio [SR 2, Sally-Charell Delin / Andreas Speit, 28.07.2021, Länge: 06:12 Min.]
Ein Interview

Ihr gemeinsamer Nenner sei eine Art "Anti-Moderne": Die genannten Gruppen hätten eine "ganz große Sorge, wie die Gesellschaft sich als Industrienation weiter entwickelt, wie der Kapitalismus weiter die Menschen zerstört, voneinander entfremdet", sagte Speit im Gespräch mit SR-Moderatorin Sally-Charell Delin.

Gefahr von Allianzen

Was vor rund 100 Jahren mit der "Lebensreformbewegung" begonnen habe, die sich seinerzeit in einen rechten und einen linken Zweig gespaltet habe, erlebten wir heute wieder, so Speit. Er sehe eine Gefahr darin, dass die Milieus sich "zu neuen Allianzen" verbünden könnten. Gerade im Umfeld der "Querdenker"-Bewegung werde versucht, gemeinsame Netzwerke aufzubauen. Und in der Querdenker-Bewegung sei die Reichsbürgerbewegung "massiv stark präsent" - gerade, was die "Kritik am System BRD" angehe, sagte Speit mit Verweis auf den Stuttgarter Querdenker Michael Ballweg.

Besonders jene "Menschen, die spirituell-esoterischen Konzepten nahe" stünden, seien Studien zufolge auch "nah an Verschwörungsnarrativen" und liefen damit auch Gefahr, in den Rechtsextremismus "wegzurutschen".

Fakten besser vermeiden!

Für das Gespräch mit den Betroffenen empfahl Speit, "nicht in eine Fakten orientierte Ebene" hineinzugehen, sondern lieber den "emotionalen Zugang zu suchen" und besser zu fragen, warum jemand sich für seinen Standpunkt engagiere: "Was bewegt dich, dahin zu gehen?" Diese Strategie hätten ihm "alle Beratungsnetzwerke, die damit zu tun haben", geraten.

Bleibe man bei einer auf Fakten basierenden Auseinandersetzung, habe der Anhänger eines Verschwörungsnarrativs den Vorteil, dass "er vermeintlich erkannt hat, wie jetzt alles funktioniert", sagte Speit. Und das gebe ihm "unglaublich Halt und Sicherheit". Speziell bei Männern erlebe man zugleich häufig eine Aufwertung ihrer Rolle: Sie könnten nun "anderen wieder die Welt erklären".


Demonstrantinnen und Demonstranten beim "Flashmob"-Protest gegen den Corona-Kurs der Regierung am 9. Mai 2020 in Saarbrücken (Foto: Rick Reitler)
"Flashmob"-Protest gegen den Corona-Kurs der Regierung am 9. Mai 2020 in Saarbrücken (Foto: Rick Reitler)

Schild mit Aufschrift "Nein zum Unrechtsstaat" (Foto: SR)
Schild mit Aufschrift "Nein zum Unrechtsstaat"


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 28.07.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt Teilnehmerinnen und Teilnehmer bei einer Demonstration gegen Corona-Verschwörungstheorien in Saarbrücken (Foto: Thomas Gerber / SR).

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