Tunesien in der schwersten Krise seiner Geschichte

Über die "schwerste Krise" in der Geschichte des Landes

Ein Gespräch mit Johannes Kadura, Leiter der Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis, über die Lage am Morgen des 28. Juli 2021

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   28.07.2021 | 07:25 Uhr

Ministerpräsident gefeuert, Parlament eingefroren, Versammlungsverbot und Ausgangssperre verhängt: Der tunesische Präsident Saied geht mit harten Maßnahmen gegen die Unruhen im Land vor. Im SR-Interview spricht Johannes Kadura von der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis über die Hintergründe.

In Tunesien tobt ein Kampf um die Macht im Staat: Am Abend des 25. Juli 2021 hatte Präsident Kais Saied überraschend die Arbeit des Parlaments ausgesetzt und Ministerpräsident Hichem Mechichi seines Amtes enthoben. Anlass waren Massenproteste gegen die Corona- und Wirtschaftspolitik des nordafrikanischen Landes.

Unzufriedenheit im Volk

"Die Regierung wurde mit totalem politischen Stillstand identifiziert", erläuterte Johannes Kadura, der Leiter der Büros der Friedrich-Ebert-Stiftung in Tunis, im Gespräch mit SR-Moderator Johannes Erdmenger. Das Land stecke schon seit Jahren in "einer sehr schweren sozialen und wirtschaftlichen Krise". Diese sei habe sich nun durch die corona-bedingten Ausfälle im Tourismus zur schwersten Krise in der tunesischen Geschichte überhaupt ausgewachsen. Die Unzufriedenheit und die "Demokratieverdrossenheit" der Bürgerinnen und Bürger habe auch damit zu tun, dass die Regierung die Covid-19-Krise "nicht in den Griff bekommen" habe.

Versammlungsverbot und Ausgangssperre

Vorerst bis zum 27. August habe der Präsident ein Versammlungsverbot und eine nächtliche Ausgangssperre angeordnet. "Wie's dann weiter geht, weiß keiner so genau", sagte Kadura. Die Lage sei "sehr eingefahren". "Ich denke schon, dass die aktuelle Krise eine enorme Herausforderung für die Demokratie darstellt, aber wir müssen sehen, wie sich das Ganze entwickelt".

Hilft die EU?

Europa spiele dabei "eine wichtige Rolle", denn die EU sei sehr an der Stabilität Tunesiens und am Frieden im südlichen Mittelmeerraum interessiert, erklärte Kadura. Sollte sich die Lage in Tunesien nicht verbessern, werde die EU "einen hohen Preis dafür zahlen". Womöglich aber könne die EU zumindest einen Beitrag zur Bewältigung der Covid-Pandemie leisten.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 28.07.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben vom 26. Juli 2021 zeigt Anhänger des tunesischen Präsidenten Saied während einer Demonstration vor dem Parlamentsgebäude (Foto: picture alliance/dpa | Khaled Nasraoui).

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