Thomas Kistner über die Grenzen zwischen Fußball, Corona und Politik

Über die Grenzen zwischen Fußball, Corona und Politik

Ein Gespräch mit Thomas Kistner, Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, vor dem EM-Gruppenspiel Deutschland - Ungarn am 23. Juni 2021

Jochen Erdmenger   23.06.2021 | 10:30 Uhr

Der Münchener Sportredakteur Thomas Kistner hat sich angesichts der Regenbogenfarben-Debatte gegen eine zu starke Politisierung des Fußballs ausgesprochen. Im SR-Interview warnte er vor allzu viel "Gesinnungsethik" und empfahl, die unterschiedlich gefüllten Stadien der Euro2020 für Corona-Feldstudien zu nutzen.

Bei ihrem dritten und letzten EM-Gruppenspiel trifft die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am 23. Juni ab 21.00 Uhr auf das Team aus Ungarn. Die Arena in München darf auf Beschluss der UEFA aus Neutralitätsgründen nicht in Regenbogenfarben erstrahlen.

"Den Regenbogen nicht überspannen"

Thomas Kistner, Sportredakteur bei der Süddeutschen Zeitung, äußerte im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger Verständnis dafür: "Wir müssen auch ein bisschen aufpassen, dass wir den Bogen - den Regenbogen, in dem Fall - nicht überspannen", sagte Kistner. Mit Blick auf die politische Dimension warnte er vor "Gesinnungsethik, die sich als alternativlos versteht". Wer glaube, "mit seiner guten Weltsicht überall durchdringen zu müssen", der könne auch "in eine Wahrnehmungsblase geraten" und Gefahr laufen, "alle, die mal irgendwie differenzieren wollen, ein bisschen in die andere Ecke" zu stellen.

Fußball als "Verlautbarungsbühne"

Man müsse sich bei der Regenbogenfarben-Initiative des Münchener Stadtrats fragen, ob es sich um "eine generelle Haltung" oder um "konkrete Politpropaganda" gegen die Politik des ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orban handele. Er verstehe gut, dass die UEFA offensichtlich nicht als "Verlautbarungsbühne" für Letzteres dienen wolle. Denn andernfalls stelle sich die Frage, warum nicht auch Orban eine Gegenoffensive starten sollen dürfe. "Und dann sind wir schon in einem riesigen Schlagabtausch, für den der Fußball eigentlich nicht die Bühne bieten soll", stellte Kistner klar.

Schon jetzt "mehr Symbolik als je zuvor"

Der Fußball habe mit all den Binden, Farben, Kniefällen oder Botschaften auf Trikots bereits jetzt "mehr Symbolik als je zuvor", mahnte Kistner: Auf der einen Seite gebe es Denkverbote, auf der anderen könnten aber auch Denkvorgaben entstehen. Um "Zeichen zu setzen", solle man seiner Meinung nach aber "mehr tun" als nur den Sport immer mehr heranzuziehen.

Stadien für Studien nutzen

Mit Blick auf die aus verschiedenen politischen und wissenschftlichen Standpunkten in den verschiedenen Gastgeberländern sehr unterschiedlich gefüllten Stadien empfahl Kistner, die Situation mit ihren teils zehntausenden "frisch geimpften, getesteten Zuschauern" für Feldstudien über die späteren Corona-Erkrankungseffekte zu nutzen. Diese Effekte zu erkennen, sei "doch extrem wichtig, um endlich dieses vage, weitflächige Angstgeraune auch ein bisschen eingrenzen zu können", sagte Kistner.

Ungeklärte Fragen der Corona-Krise

Immerhin habe man bei der Euro2020 bereits 30 Spiele gesehen - und "von massiven Ausbrüchen" sei ihm nichts bekannt. Überhaupt seien zuletzt "immer mehr ungeklärte kritische Fragen" zur Corona-Politik laut geworden: "Das reicht von der wahren Herkunft des Virus über die Zahlenspiele mit den Intensivbetten bis hin zur Frage, was der viel gefeierte PCR-Test denn tatsächlich anzeigen kann und wie groß die Fehlerquelle ist - unter Einbezug der einzig wirklichen Frage, wichtigen Frage: Wer nicht minimal infiziert, sondern wirklich erkrankt ist".


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 23.06.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Viktor Orban, Ministerpräsident von Ungarn, auf der Tribüne der Puskás Arena (Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild | Robert Michael).

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