"Die Inzidenzen als solche sind selbstverständlich irrelevant"

"Die Inzidenzen als solche sind selbstverständlich irrelevant"

Ein Interview mit Prof. Julian Nida-Rümelin zur Corona-Politik in Deutschland

Kai Schmieding. Onlinefassung: Rick Reitler   07.05.2021 | 06:45 Uhr

Der Risiko-Experte Prof. Julian Nida-Rümelin hat im SR-Interview einen Kurswechsel in der Corona-Politik gefordert: Der Inzidenzwert müsse zu Gunsten anderer Maßstäbe aufgegeben, negativ Getestete müssten Geimpften und Genesenen gleichgestellt, die allgemeinen Maßnahmen möglichst schnell beendet werden. Ein Interview.

Der Philosoph, Physiker, Ex-Kulturstaatsminister und Autor Prof. Julian Nida-Rümelin hat von der Politik einen vernüftigen Umgang mit Gefahren gefordert, der von den Kriterien einer angemessenen Risiko-Einschätzung und von Verfassungstreue geprägt sein sollte.

Akzeptable Risiken und Verfassungsordnung

Die maßgebliche, rationale Frage sei stets, welche Risiken für eine Gesellschaft akzeptabel seien. Im Fall von Corona sei der Maßstab "ein Risiko mit vergleichbarer gesundheitlicher Belastung und vor allem auch den tragischen Todesfällen", stellte Nida-Rümelin im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding klar. Wenn "die Gefahren von Covid-19 unter das Niveau einer saisonalen Grippe" fielen, "dann haben wir in dem Moment keine Rechtfertigung mehr für allgemeine Maßnahmen - außer, wir würden in Zukunft auch bei saisonalen Grippen Lockdowns und Shutdowns verhängen", sagte Nida-Rümelin. "Wir können ja auch die Verfassungsordnung nicht außer Kraft setzen, und Einschränkungen von Grundrechten müssen ja begründet sein".

Je mehr Tests, desto höher die Inzidenz

Deutschland sei zurzeit "das einzige Land in Europa, das sich fast ausschließlich an Inzidenz" orientiere, gab Nida-Rümelin zu bedenken. Das aber sei der falsche Weg: "Die Inzidenzen als solche sind selbstverständlich irrelevant", stellte Nida-Rümelin klar. Denn die Inzidenz sei lediglich dann "ein Indikator für eine Dynamik", wenn das Testverhalten ungefähr gleich bliebe. "Wenn wir jetzt zum Beispiel dreimal so stark testen wie vorher, weil zum Beispiel die Kinder wieder in die Schule gehen und dort je zweimal in der Woche getestetet werden, dann würde auch dann die sogenannte Inzidenz, also die registrierten Infizierten auch nach oben gehen, wenn niemand zusätzlich infiziert wird quantitativ", erklärte Nida-Rümelin.

Relevante Faktoren

"Das Kriterium sind nicht Inzidenzen", betonte Nida-Rümelin. Die Bundesregierung müsse stattdessen auf andere Parameter schauen: "Das Kriterium ist Mortalität und Morbidität". Relevant für die Einschätzung der Corona-Gefahr seien außer den Todesfällen lediglich "ernste Erkrankungen, nicht drei Tage Erkältung" und "Long-Covid, wenn sich das erhärtet, dass das tatsächlich ein besonderes Problem darstellt". Dass dies der Fall sei, sei "in der Literatur" ja durchaus "ein bisschen umstritten".

Maßnahmen möglichst rasch beenden!

In jedem Fall müssten negativ getestete Menschen gleichgestellt werden mit jenen, die schon immun seien "durch durchgemachte Infektionen oder durch Impfung", forderte Nida-Rümelin. Außerdem müssten "die allgemeinen Maßnahmen möglichst rasch beendet werden".

"Fehleinschätzungen zuhauf"

Was die Corona-Prognosen angehe, habe es "im Laufe des letzten Jahres permanent verfehlte Einschätzungen von ganz unterschiedlichen Seiten" gegeben, bedauerte Nida-Rümelin. Und das nicht nur, was den Kampf gegen hohe Inzidenzwerte angehe, sondern auch, weil häufig verbreitet worden sei, man müsse nur mal "noch zwei Wochen durchhalten".


Der SR 2-BuchTipp:

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld
Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren

Piper Verlag 2021
224 Seiten, 24,00 Euro
ISBN-10 : 3492070825
ISBN-13 : 978-3492070829


Der SR 2-ProgrammTipp

Am Sonntag, 9. Mai ist Prof. Julian Nida-Rümelin ab 9.04 Uhr zu Gast in "Fragen an den Autor".


Mehr zum Thema im Archiv:

7. April 2021: Kritik an Corona-Krisenmanagement
"Es geht auch ohne Lockdown"
Prof. Julian Nida-Rümelin hat im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx das Corona-Krisenmanagement der deutschen Regierung scharf kritisiert - vor allem wegen der langen Untätigkeit, dem starren Blick auf Inzidenzen und wegen der vielen "grotesken" Entscheidungen.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 07.05.2021 auf SR 2 KulturRadio.

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