Medizinethiker Prof. Karl-Heinz Wehkamp über die Aufhebung von Impfstoff-Patentrechten

Über die Aufhebung von Impfstoff-Patentrechten

Ein Gespräch mit dem Bremer Medizinethiker Prof. Karl-Heinz Wehkamp

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   06.05.2021 | 16:25 Uhr

Der Bremer Medizinethiker Prof. Karl-Heinz Wehkamp glaubt angesichts der aktuellen Debatte um die Freigabe von Patentrechten für Corona-Impfstoffe nur bedingt an einen Durchbruch: Wirtschaftliche Interessen der Pharmaindustrie stünden entgegen der Interessen ärmerer Länder. Bestimmte "Fondsmodelle" könnten seiner Ansicht nach ein Ausweg sein.

Ein global besonders begehrtes Produkt ist derzeit der Corona-Impfstoff. Die Produktion kann mit der aktuellen Nachfrage nicht Schritt halten - nun wird in der EU und in den USA intensiv diskutiert, ob nicht vorübergehend die Patente freigegeben und so die Produktion ausgeweitet werden könnte.

Wirtschaftliche Interessen kontra Armut

Der Bremer Medizinethiker Prof. Karl-Heinz Wehkamp glaubt nur bedingt an einen Durchbruch: "Es geht nur um 'ne vorübergehende Aufhebung des Patentschutzes, aber ein Durchbruch ist es insofern, als dass man die wirkliche akute Gefahr dieser Pandemie anerkennt erstens, und zweitens, weil ganz deutlich wird, dass die Gesundheit und das Leben der Weltbevölkerung sehr, sehr stark von wirtschaftlichen Institutionen, Regeln und Potenzialen beeinflusst wird". Das verursache besonders in armen Ländern Probleme, so Wehkamp im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger.

"Fondsmodelle" als Ausweg?

Andererseits gewährleiste ein Patentschutz Anreize für die Forschung innerhalb der Pharmaindustrie, "entsprechend innovative Produkte zu entwickeln".

"Fondsmodelle", die bisher zwar durchaus diskutiert, aber nicht akzeptiert worden seien, könnten seiner Ansicht nach ein Ausweg sein. Staaten könnten demnach beispielsweise "in einen großen Geldtopf Beiträge einzahlen, so dass die Pharmafirmen, die jetzt neue Produkte entwickeln, durchaus belohnt werden, allerdings in angemessenem Maße", sagte Wehkamp. Gleichzeitig müsste "die Preisbildung für die Medikamente so gestaltet werden, dass hier nicht die Marktgesetze herrschen, wie sie bisher vorhanden waren".

Hintergrund

Was wiegt mehr: der Schutz des geistigen Eigentums oder das Gemeinwohl? Ganz aktuell steht die Frage im Raum, ob durch die Aufhebung des Patentschutzes für Corona-Impfstoffe auch die weltweite Versorgung mit Vakzinen beschleunigt werden könnte. Viel Bewegung haben die USA in den Prozess gebracht: Präsident Joe Biden befürwortet die befristete Aufhebung.


Mehr zum Thema Impfen im Archiv:

Corona-Politik in der EU
Mehr Biontech-Impfstoff und ein "grünes Impfzertifikat"
Deutschland könnte bis Juni mit neun Millionen mehr Impfdosen von Biontech/Pfizer rechnen als ursprünglich kalkuliert, weil die Produktionskapazitäten erhöht wurden. Bis zu den Sommerferien soll EU-weit zudem ein "grünes Impfzertifikat" kommen. Brüssel-Korrespondent Alexander Göbel erläutert die Details.

17. März 2021: Interview mit dem Psychiater und Angstforscher Prof. Borwin Bandelow
Die Angst vor dem Impfen
Sieben Fälle von Hirnvenenthrombosen bei 1,6 Millionen Impfungen - das ist nicht besonders viel. Trotzdem wurden die Impfungen mit dem Vakzin AstraZeneca wegen Vermutung auf Nebenwirkungen in mehreren EU-Staaten vorläufig ausgesetzt. Das hat zu einer allgemeinen Verunsicherung und Angst vor dem Impfen geführt. Eine ganz natürliche Reaktion, meint der Psychiater und Angstforscher Prof. Borwin Bandelow.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 06.05.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt eine Kanüle, die mit Impfstoff aufgezogen wird (Archivfoto: SR Fernsehen).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja