"Alle Kinder leiden unter dieser Situation"

"Alle Kinder leiden unter dieser Situation"

Ein Gespräch mit Sozialarbeiterin Lydia Fried von der Caritas-Gemeinwesenarbeit Friedrichsthal über das "Aufholpaket" der Bundesregierung

Kai Schmieding. Onlinefassung: Rick Reitler   06.05.2021 | 08:15 Uhr

Die Caritas-Sozialarbeiterin Lydia Fried hat das Zwei-Milliarden-"Aufholpaket" der Bundesregierung für Kinder und Jugendliche als "ein Trauerspiel" und "viel zu mager" kritisiert. Überhaupt sei es längst an der Zeit, die sozialen Sicherungssysteme in Deutschland zu überdenken. Ein Interview.

Besonders Kinder und Jugendliche leiden seit Monaten unter den Einschränkungen und Verboten der Corona-Maßnahmen. Auf vieles mussten sie verzichten: Gleichaltrige treffen, Familienbesuche, Bildung, Lebensfreude, Entwicklungsmöglichkeiten. Die Bundesregierung stellt nun zwei Milliarden Euro für ein "Aufholpaket" bereit, damit Schülerinnen und Schüler Lernrückstände aufholen und psychische Krisenfolgen besser bewältigen können.

"Ein Trauerspiel"

Doch das sei "viel zu mager" und nur ein kleiner Bruchteil jener Summe, der 2008 für die Bankenrettung bereit gestellt worden sei, gab die Sozialarbeiterin Lydia Fried von der Caritas-Gemeinwesenarbeit Friedrichsthal im Gespräch mit SR-Moderator Kai Schmieding zu bedenken. "Was jetzt hier von politischer Ebene gebracht" werde, sei "ein Trauerspiel". Ihr fehle im Aufbauprogramm des Bundes "der weite Blick"; das ganze Programm sei aus ihrer Sicht "viel zu kurz gedacht".

Besonders schwer für arme Familien

Zwar litten alle Kinder unter der augenblicklichen Lage - besonders hart aber träfe es Familien und Kinder "in einkommensschwachen Situationen". "Ein Kind wohnt in einer engen Wohnung, hat ein Zimmer nur mit Geschwistern zusammen und kann deshalb nicht gut lernen", skizzierte Fried. Neben den "materiellen Einbußen durch die enge Wohnsituation" leide so ein Kind auch noch "psychisch darunter, dass es sein Ziel, seinen Schulabschluss, vielleicht nicht erreichen" könne.

Sicherungssysteme längst "nicht mehr armutsfest"

Überhaupt seien die "sozialen Sicherungssysteme" in Deutschland "schon seit Jahren nicht armutsfest". Selbst manche Familien mit zwei Vollzeit-Arbeitsplätzen verfügten nicht immer über ein "armutsdeckendes Einkommen". Es sei an der Zeit, die Sicherungssysteme komplett zu überdenken. Schließlich habe man jahrelang hingeschaut und trotzdem nichts geändert. "Wenn die Pandemie vorbei ist, sind die Probleme nicht vorbei", prognostizierte Fried, "die Pandemie hat uns nur Schwachpunkte gezeigt".


Hintergrund

Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche
Audio [SR 1, Daniel Simarro / Lisa Krauser, 06.05.2021, Länge: 02:45 Min.]
Corona-Aufholprogramm für Kinder und Jugendliche
Experten schlagen schon lange Alarm, dass nicht nur die schulischen, sondern auch die psychischen Folgen der Pandemie groß sein können. Die Bundesregierung will dagegen was tun und hat Gelder bereit gestellt - Zwei Milliarden. Eine davon für Nachhilfe- und Förderprogramme, die andere für soziale Maßnahmen.


Mehr zum Thema im Archiv:

23.03.2021: Bertelsmann-Studie: "Jugend und Corona"
"Enormer Verzicht und Belastung"
Nach einem Jahr Corona-Krise leiden weit mehr als drei von fünf Jugendlichen unter Einsamkeit, psychischen Belastungen oder Zukunftsängsten. Vor allem von der Politik fühlen sie sich allein gelassen, sagt Familien-Expertin Antje Funcke, Mitarbeiterin der Bertelsmann-Studie "Jugend und Corona".

12.01.2021: Kinder und Jugendliche im Lockdown
"Einfach mal den Kindern Danke sagen, wäre so wichtig"
Wegen der Corona-Pandemie sind Schulen und Kitas zum zweiten Mal innerhalb eines Jahres geschlossen. Was bedeutet die Isolation für die Seelen von Kindern und Jugendlichen? Darüber sprach SR-Moderatorin Yvonne Schleinhege mit der Kinderpsychologin Eva Möhler.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 06.05.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt Schulkinder mit Masken an einem Gruppenarbeitstisch (Archivfoto: SR Fernsehen).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja