"Beim Personal haben wir einen gravierenden Mangel"

"Beim Personal haben wir einen gravierenden Mangel"

Ein Gespräch mit dem Medizinethiker Prof. Eckhard Nagel, dem Leiter des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften an Universität Bayreuth

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   05.05.2021 | 14:40 Uhr

Der Medizinethiker Prof. Eckhard Nagel sieht den "gravierenden Mangel" an Fachpersonal als größte Schwachstelle im deutschen Gesundheitssystem. Die Corona-Notfallreserve von zusätzlichen 10.000 Intensivbetten sei nie benötigt worden - und hätte mangels Personal auch gar nicht in Betrieb genommen werden können. Ein Interview.

Der Medizinethiker und Gesundheitsökonom Prof. Eckhard Nagel sieht den Mangel an fachkundigem Personal als die große Schwachstelle im deutschen Gesundheitssystem. Dieses "Nadelöhr" lasse sich "natürlich nicht durch eine Investition beseitigen", sagte Nagel im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit. Denn die mehrjährige Ausbildungszeit, die hohe Arbeitsbelastung und die Bezahlung hätten den Beruf des Intensivpflegers bzw. der Intensivpflegerin "nicht mehr so attraktiv" gemacht.

"Hier läuft generell was schief"

Überhaupt sei der Zweig der "medizinalen Berufe" im deutschen Gesundheitswesen weniger attraktiv als zu früheren Zeiten. Hier sei ein "Umsteuern" dringend geboten, denn sonst drohe bald "auch ohne Corona eine schlechte Versorgung".

Dieser seit Jahren bestehende Pflegemangel, der mit dem wirtschaftlichen Druck der größtenteils längst privatisierten deutschen Krankenhauslandschaft einhergehe, sei "allen schon bekannt gewesen". Und diese Entwicklung habe "genau in die falsche Richtung " stattgefunden. "Hier läuft generell was schief", kritisierte Nagel.

24.000 Intensivbetten mit 5000 Corona-Fällen

Zurzeit lägen auf den rund 24.000 Intensivbetten in Deutschland etwa 5000 Corona-Patientinnen und Patienten, bestätigte Nagel. Rund 2800 von ihnen seien an Beatmungsgeräte angeschlossen. Insgesamt sei die Situation stabil, die Zahlen rückläufig.

10.000 nie benötigte Betten aufgebaut

Es existiere darüber hinaus sogar noch eine Corona-Notfallreserve von zusätzlichen 10.000 Intensivbetten in Deutschland, die während der gesamten Krise nie benötigt worden sei - und mangels Fachpersonal auch gar nicht hätte in Betrieb genommen werden können. "Apparativ sind wir bestens ausgestattet, aber beim Personal, da haben wir eben einen gravierenden Mangel", brachte es Nagel auf den Punkt.


Mehr zum Thema im Archiv:

Auslastung stetig über 75 Prozent
Gibt es weniger Intensivbetten als vor einem Jahr?
In der Krankenhausstatistik werden im Moment deutlich weniger freie Intensivbetten ausgewiesen als noch zu Beginn der Pandemie. Abgebaut wurden diese Betten nicht. Aufgrund verschiedener Effekte waren anfangs aber mehr Betten gemeldet, als dauerhaft betrieben werden können.

"Wenn die Bundesregierung nicht gegensteuert, werden Pflegheimplätze noch teurer"
Audio [SR 3, Interview: Simin Sadeghi / Jürgen Stenger, 05.05.2021, Länge: 03:49 Min.]
"Wenn die Bundesregierung nicht gegensteuert, werden Pflegheimplätze noch teurer"
Wohnen im Pflegeheim ist teuer. Derzeit müssen saarländische Bewohnerinnen und Bewohner knapp 2600 Euro müssen aus eigener Tasche bezahlen. Das Saarland liegt im Ländervergleich seit zehn Jahren an der Spitze, wenn es um den Eigenanteil für die stationäre Pflege geht. Jürgen Stenger, dem Geschäftsführer der Saarländischen Pflegegesellschaft sagte dazu im SR-Gespräch, sofern die Bundesregierung den Eigenanteil nicht deckele, werde es wahrscheinlich noch teurer.


Ein Thema in der Sendung "Der Nachmittag" vom 05.05.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt ein leeres Krankenbett auf einer Intensivstation (Archivfoto: SR Fernsehen).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja