Infektionswahrscheinlichkeit an der frischen Luft "extrem gering"

Infektionswahrscheinlichkeit an der frischen Luft "extrem gering"

Ein Gespräch mit dem Aerosol-Experten Dr. Sebastian Schmitt

Isabelle Tentrup   12.04.2021 | 17:45 Uhr

Der Aerosol-Experte Dr. Sebastian Schmitt hält nichts von dem Plan der Bundeskanzlerin, eine nächtliche Ausgangssperre in Deutschland einzuführen. Die weitaus meisten Corona-Infektionen fänden in Innenräumen statt, nicht an der frischen Luft. Ein Interview.

Die Wahrscheinlichkeit, sich auf der Straße mit Corona zu infizieren, sei "extrem gering", sagt Stefan Schmitt von der Gesellschaft für Aerosolforschung, im Gespräch mit SR-Moderatorin Isabelle Tentrup. Er ist Mitunterzeichner eines offenen Briefes an führende Politiker, in dem er und seine Kollegen beklagen, dass die Erkenntnisse ihrer Forschung zu wenig praktische Berücksichtigung finden.

Übertragungen im Freien äußerst selten

Deren wichtigste lautet: "Die Übertragung der SARS-CoV-2 Viren findet fast ausnahmslos in Innenräumen statt. Übertragungen im Freien sind äußerst selten und führen nie zu Clusterinfektionen, wie das in Innenräumen zu beobachten ist."

Forscher gegen Ausgangssperre

Eine Ausgangssperre, wie sie unter anderem auch der Saarbrücker Pharmazie-Professor Thorsten Lehr und die Bundeskanzlerin gefordert hatten, sei darum kein adäquates Mittel zur Bekämpfung der dritten Welle, sagte Schmitt. Sperrstunden würden nur dazu führen, dass die Menschen sich früher am Tag träfen. Das habe man etwa in Frankreich gesehen.

Weil das Infektionsrisiko draußen deutlich reduziert sei, sei es sinnvoll, Treffen eher an der frischen Luft stattfinden zu lassen - am besten bei einem Spaziergang. Auch im Freien sollten allerdings Abstandsregeln eingehalten werden und keine größeren Gruppen zusammenstehen. Die Menschen sollten sich auch draußen möglichst nicht direkt gegenüberstehen, weil es dabei zu einer sogenannten Tröpfcheninfektion kommen könne.

Mehr Maßnahmen für Innenräume gefordert

Insgesamt sei die Infektionsgefahr drinnen aber deutlich größer, denn in einem nicht gelüfteten Raum könnten sich die Aerosolpartikel einer infizierten Person anreichern, erklärte Schmitt. Durch einen längeren Aufenthalt würde darum auch eher eine größere Menge an Viren aufgenommen.

Als Konsequenz aus ihren Erkenntnissen fordern die Forscher, mögliche Übertragungen in Innenräumen konsequenter zu bekämpfen. So müsste etwa im Arbeitsbereich so viel Homeoffice wie möglich gemacht werden, sagt Schmitt. "Dagegen sperren sich noch zu viele." Auch eine Testpflicht in Unternehmen könnte helfen.

Kombination aus Maßnahmen

Es sei aber immer eine Kombination aus Maßnahmen nötig, eine einzelne könne nie die Lösung sein, so Schmitt. Solange es noch nicht ausreichend Impfungen gebe, müssten diese Maßnahmen-Bündel für Sicherheit sorgen. Bei den Impfungen gebe es inzwischen aber immerhin deutliche Fortschritte.


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Abend" am 12.04.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Menschen in der Frühlingssonne am Saarbrücker Staden (Archivfoto: SR Fernsehen).

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