Kommentar: Experiment vor dem Scheitern?

Experiment vor dem Scheitern?

Ein Kommentar zum Saarland-Modell

Michael Thieser   12.04.2021 | 08:15 Uhr

Die Euphorie zu Beginn war groß. Doch nicht einmal eine Woche nach dem Ausrufen des saarländischen Sondermodells zur Bekämpfung des Coronavirus droht das Projekt bereits wieder zu scheitern. Für viele keine Überraschung und die Blauäugigkeit der Verantwortlichen fordert nun ihre Konsequenzen, kommentiert SR-Landespolitik-Chef Michael Thieser.

Die saarländische Corona-Ampel ist inzwischen von "grün" auf "gelb" geschaltet worden, und sollte die aktuelle Dynamik des Infektionsgeschehens weiter anhalten, dürfte sie schon sehr bald auf "rot" springen. Theater, Kinos, Fitnessstudios usw. müssten dann wieder schließen. Derzeit spricht alles dafür, dass sich die dritte Welle der Pandemie anders nicht stoppen lässt.

„Corona-Ampel“ schaltet auf Gelb
Kabinett weitet Testpflicht aus [11.04.2021]

Von dem zunächst zur Schau gestellten Optimismus, der medialen Präsenz in allen Nachrichtensendungen und dem selbstbewussten Auftreten des Regierungschefs in den Talkshows der Republik bliebe dann nicht mehr viel übrig. 

Das Virus – Ampel hin oder her – breitet sich weiter aus und auch im Saarland steigt die Zahl der Covid-Patienten auf den Intensivstationen wieder deutlich an. Es ist die Entwicklung, vor der Mediziner und Pflegeverbände seit Wochen immer wieder warnen, weil sie einen Kollaps des gesamten Systems befürchten.

Wissenschaftler von Modell überrascht

Mitten in ein exponentielles Wachstum hinein weitreichende Lockerungsschritte zu verkünden, ist nun einmal mit einem hohen Risiko verbunden. Zwar mag es richtig sein, dass der so genannte Inzidenzwert am Ende nicht das Maß aller Dinge sein sollte, aber allein mit Impfen und Testen lässt sich – so wie es aussieht – die weitere Ausbreitung des Virus und seiner Mutanten nicht unter Kontrolle bringen. Die Begründung, wer viel testet, der findet auch mehr, klingt zwar auf Anhieb logisch, könnte sich aber als erneuter Trugschluss erweisen.

Wissenschaftler haben immer wieder darauf hingewiesen, doch die Landesregierung will davon nichts wissen. Noch schlimmer: der Virologe an der Homburger Universitätsklinik Jürgen Rissland und der Pharmazieprofessor Thorsten Lehr erfuhren von der Einführung und Umsetzung des Saarlandmodells nach eigenem Bekunden aus den Medien und waren mehr als überrascht.

Geht die Sache schief, tragen deshalb die Landesregierung und Ministerpräsident Tobias Hans die alleinige Verantwortung.

"Nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown"

Deutschland, so scheint es, hat ein Jahr nach Ausbruch der Pandemie endgültig den Kompass verloren und die Wissenschaft kommt gleich von zwei Seiten unter Druck: von den sogenannten Querdenkern, die Covid-19 noch immer für eine Grippe halten und eben von der Politik, die meint, ihre eigenen Schlüsse ziehen zu müssen und mit einem Auge immerzu auf die die kommenden Wahlkämpfe schielt.

Dazu passen auch die Nebelkerzen über eine angebliche wissenschaftliche Betreuung des Saarlandmodells. Eine SR-Anfrage zu diesem Thema wurde am vergangenen Freitag so inhaltsleer und nichtssagend beantwortet, dass man nur zu dem Schluss kommen kann, es gibt keinen begleitenden Forschungsansatz: Keine Stichprobe, keine Kontrollgruppe und kein Forschungsdesign, das detailliert darüber Auskunft geben könnte, wie sich das jetzige Ampel-Modell in der Praxis auswirkt.

Was also tun? Alle wünschen sich, dass es endlich vorbei ist, doch die traurige Botschaft lautet, dass es höchstwahrscheinlich erst einmal so weitergeht; sprich nach dem Lockdown ist vor dem Lockdown.

Einheitliches Vorgehen?

Gut gemeint aber zum falschen Zeitpunkt. Die Lockerung von Corona-Maßnahmen bei gleichzeitig steigenden Infektionszahlen – wie im Saarland geschehen – war vielleicht doch keine so gute Idee! Insofern warten jetzt alle darauf, ob der Bund das Heft des Handelns in die Hand nimmt und doch noch für ein einheitliches Vorgehen sorgt.

Ein Kommentar von Miachel Thieser.


Hintergrund:

"Corona-Ampel" auf gelb
Saar-Kabinett weitet Testpflicht aus
Wegen anhaltend hoher Inzidenzwerte weitet das Saarland die Testpflicht aus. Auch im Einzelhandel müssen Kunden ab sofort einen negativen Test vorweisen. Ausnahmen gibt es für Bedarfe der Grundversorgung. Der Ministerrat hatte am Abend des 11. April in einer außerordentlichen Kabinettssitzung die verschärften Regeln beschlossen.


Ein Thema u. a. in der Sendung "Guten Morgen" auf SR 3 Saarlandwelle und in "Der Morgen" auf SR 2 KulturRadio am 12.04.2021. Das Bild ganz oben zeigt Michael Thieser (Foto: Pasquale D'Angiolillo).

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