Prof. Julian Nida-Rümelin über den vernünftigen Umgang mit Gefahren

"Es geht auch ohne Lockdown"

Ein Interview mit Prof. Julian Nida-Rümelin zum Corona-Krisenmanagement Deutschlands und der EU

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   07.04.2021 | 07:20 Uhr

Prof. Julian Nida-Rümelin hat im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx das Corona-Krisenmanagement der deutschen Regierung scharf kritisiert - vor allem wegen der langen Untätigkeit, dem starren Blick auf Inzidenzen und wegen der vielen "grotesken" Entscheidungen.

Professor Julian Nida-Rümelin, Experte für Philosophie und Politische Theorie, hat sich schon öfter kritisch zum derzeitigen Corona-Krisenmanagement der Politik geäußert. Auch kurz nach dem Verkaufsstart seines Buches "Die Realität des Risikos" sparte er im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx nicht mit Kritik am Corona-Kurs der deutschen Regierung und der Europäischen Union.

"Paradigmenwechsel überfällig"

Modellregion Saarland
Was seit dem 6. April gilt

Der Paradigmenwechsel, wie er jetzt beispielweise im Saarland oder in Tübingen angegangen werde, sei "absolut richtig und überfällig", sagte Nida-Rümelin. Man müsse "wegkommen von pauschalen Maßnahmen zu konkreten", genau hinschauen, wo wirklich Risiken bestünden - und dort entsprechend eingreifen.

"Hochgradig irrational"

"Museen zum Beispiel zu schließen, mit sechs Meter hohen Decken, mit Air Condition, mit gesitteten Leuten und außerdem ohne Touristen ohnehin fast leer - ist grotesk!" Sogar Theater- oder Opernaufführungen mit Schachbrettmuster-Bestuhlung würden "kein zusätzliches Risiko" bergen. "Wir sind da hochgradig irrational vorgegangen", stellte Nida-Rümelin klar.

Deutschlands großer Fehler sei gewesen, sich in den Sommermonaten 2020 nicht genügend auf eine "zweite Welle" vorbereitet zu haben: "Wir haben die Gesundheitsämter nicht digitalisiert, wir haben die Schulen nicht vorbereitet - völlig unverständlich - und wir haben keine klaren Kriterien entwickelt, die in einem neuen Gesetz oder novellierten Infektionsschutzgesetz Eingang hätten finden müssen", sagte Nida-Rümelin. All das schaffe Unmut - "und zwar zu Recht".

Groteske Entscheidungen

Zudem habe die Regierung ihren eigenen Katastrophenplan des RKI aus dem Jahr 2012 über Jahre hinweg nicht beachtet: "Deswegen hatten wir nicht einmal Schutzausrüstungen, nicht einmal Masken - alles grotesk", erinnerte Nida-Rümelin, und die Bundesregierung habe zu Beginn der Corona-Krise sogar vor "Alltagsmasken" gewarnt. Auch die alten, besonders gefährdeten Menschen in den Pflegeheimen seien nicht geschützt worden, obwohl deren Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, höher gewesen sei als in der Gesamtbevölkerung. Immerhin kämen mehr als 50 Prozent der Todesfälle aus diesem Bereich.

Irrationalität und Inzidenzwerte

Prof. Julian Nida-Rümelin
"Die Inzidenzen als solche sind selbstverständlich irrelevant"
Prof. Julian Nida-Rümelin hat einen Kurswechsel in der Corona-Politik gefordert: Der Inzidenzwert müsse zu Gunsten anderer Maßstäbe aufgegeben, negativ Getestete müssten Geimpften und Genesenen gleichgestellt, die allgemeinen Maßnahmen möglichst schnell beendet werden. Ein Interview.

Zudem vernachlässige die Politik von Beginn der Krise an und bis heute "die mathematischen Strukturen". "Die ein oder andere Irrationalität" bei diesem Punkt wundere ihn schon. Denn wie schon der einfache Blick nach Frankreich oder Israel zeige - beides Länder mit deutlich höherer Inzidenz als Deutschland, aber vergleichbarer bzw. niedrigerer Sterberate - sei "das Starren auf Inzidenzen nicht sinnvoll". Israel habe bei relativ hohen Inzidenzen aufgrund seiner flächendeckenden Impfstrategie sehr schnell sogar "keine Todesfälle mehr" zu beklagen gehabt.

Deutschland aber starre "wie in fast keinem anderen europäischen Land allein auf die Inzidenzen", betonte Nida-Rümelin. Dabei wisse man "mangels Kohortenstudien" noch nicht einmal, wieviele Menschen in Deutschland gegenwärtig infektiös seien bzw. sich neu infiziert hätten - denn dies stelle man ja lediglich durch Tests fest, denen sich vor allem Menschen mit Symptomen unterzögen. Bei bis zu 80 Prozent der jüngeren Menschen werde eine tatsächliche Corona-Infektion allerdings "symptomfrei" durchlaufen. Und selbst wenn demnächst Selbsttests in Deutschland zugelassen sein sollten, dann würden im Einklang mit mathematischer Logik "die Inzidenzen auch dann durch die Decke gehen, wenn es keinen einzigen zusätzlichen Infizierten gäbe", sagte Nida-Rümelin.

Fehler auch in der EU

"Die europäische Politik" habe es "mit Sicherheit ganz falsch gemacht", was "die Anschaffung und Vorbereitung der Impfstoffe" angehe, kritisierte Nida-Rümelin. "Wenn wir eine normale Demokratie hätten in Europa, mit einem Parlament, das die Regierung kontrolliert, dann hätten wir vermutlich jetzt eine schwere Regierungskrise", stellte Nida-Rümelin fest.

Vulnerable Gruppen schnell impfen

Der Risko-Experte schlug vor, nun schnell dafür zu sorgen, dass durch die Impfung "besonders vulnerabler Gruppen" - also älterer oder vorerkrankter Menschen - die Covid-19-Krankheitslast und die Zahl der Sterbefälle "so weit runtergedrückt" würden, "dass wir mit allgemeinen Maßnahmen wie Shutdowns und Lockdown-Maßnahmen nicht mehr dagegen ankämpfen müssen".

Vorbild Dänemark

Ein Beispiel für einen solchen Weg finde man in Dänemark: Die Regierung in Kopenhagen habe angekündigt, dass bis Ende Mai 2021 alle Menschen in einem Alter über 50 Jahren ein Impfangebot bekommen haben werden - und dass es ab diesem Zeitpunkt "keine weiteren Lockdown-Maßnahmen mehr geben" werde.

Taiwan und Südkorea

In Südkorea und Taiwan sei man sogar ohne einen einzigen Tag Lockdown ausgekommen - mit einer "konsequenten Containment-Politik". Dadurch seien in Südkorea bis heute nur rund 1000 Corona-Todesfälle bei rund 50 Millionen Einwohnern aufgetreten - gegenüber mehr als 70.000 Toten in Deutschland bei 84 Millionen Menschen. "Das heißt: Es geht auch ohne Lockdown", folgerte Nida-Rümelin.

"Rational mit Risiken umgehen"

Generell zeigte sich Nida-Rümelin erstaunt über den Umgang mit Risiken in der Gesamtgesellschaft: "Da tun sich Abgründe auf". So würden in Deutschland die täglich in den Zeitungen verbreiteten Corona-Todeszahlen "fast nie" mit anderen Todesfällen in Verbindung gebracht. Augenblicklich etwa 140, 150 Toten, die in Deutschland jeden Tag auf Corona zurückgeführt würden, stünden ja 2000 andere Todesfälle gegenüber.

Aus Angst vor einer Corona-Infektion aber trauten sich viele Menschen erwiesenermaßen noch nicht einmal mehr zu Vorsorgeuntersuchungen - was die Zahl der Krebs- oder Herzerkrankungen nach oben treibe. Zudem gebe es vor allem bei jüngeren Menschen "einen dramatischen Anstieg an Depressionen", ganz zu schweigen von den weltweit 30 Millionen zusätzlicher Hungertoten, die nach Angaben der Welthungerhilfe auf die Shutdown- und Lockdown-Politik zurückzuführen seien. "Das sind alles Risiken. Und wenn man rational mit Risiken umgehen will, muss man sie in Relation zu anderen Risiken setzen", forderte Nida-Rümelin.

Blutvergiftungen zum Vergleich

In Deutschland gebe es beispielsweise jedes Jahr ca. 70.000 bis 75.000 Tote durch Blutvergiftungen - eine dem Corona-Virus vergleichbare Zahl. "Und die Fachleute sagen, das wäre um mindestens 25.000 reduzierbar, wahrscheinlich wesentlich mehr", wenn in den Aufnahme- und Unfallstationen der Kliniken bestimmte, ganz einfache Vorsichtsmaßnahmen" ergriffen würden. Aber "da geschieht nichts".


Der SR 2-BuchTipp:

Julian Nida-Rümelin, Nathalie Weidenfeld
Die Realität des Risikos. Über den vernünftigen Umgang mit Gefahren

Piper Verlag 2021
224 Seiten, 24,00 Euro
ISBN-10 : 3492070825
ISBN-13 : 978-3492070829


Der SR 2-ProgrammTipp

Am 9. Mai ist Prof. Julian Nida-Rümelin mit seinem aktuellen Buch ab 9.04 Uhr zu Gast in "Fragen an den Autor".


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 07.04.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Prof. Julian Nida-Rümelin (Foto: picture alliance / dpa | Matthias Balk).

Artikel mit anderen teilen

Push-Nachrichten von SR.de
Benachrichtungen können jederzeit in den Browser Einstellungen deaktiviert werden.

Datenschutz Nein Ja