"Die Menschen wollen nicht in einer Militärdiktatur leben"

"Die Menschen wollen nicht in einer Militärdiktatur leben"

Ein Gespräch mit der Ethnologin Prof. Dr. Judith Beyer, Universität Konstanz, über die Lage in Myanmar acht Wochen nach dem Militärputsch

Katrin Aue. Onlinefassung: Carolin Dylla   29.03.2021 | 11:13 Uhr

Rund acht Wochen nach dem Militärputsch findet der zivile Widerstand auf den Straßen von Myanmar vor allem in der Nacht statt – und auch in den sozialen Medien. SR-Politikredakteurin und Moderatorin Katrin Aue hat mit der Ethnologin Prof. Judith Beyer über die Lage vor Ort gesprochen.

Mit großer Härte geht die Junta in Myanmar gegen die Demokratiebewegung vor. Seit dem Putsch am 1. Februar halten die Proteste an, die Menschen gehen weiter auf die Straßen. Aber von Woche zu Woche antwortet das Militär mit mehr Gewalt.

Mehr als 100 Protestierende starben am vergangenen Wochenende, darunter waren auch Kinder. Und mittlerweile sind auch Tausende Menschen ins benachbarte Thailand geflohen.

Ankündigung von Wahlen war vorgeschoben

Die Gewalt, so die Ethnologin Prof. Judith Beyer im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue, habe inzwischen ein Ausmaß angenommen, das man sich nicht habe vorstellen können. Viele Beobachter hätten bis zuletzt gehofft, dass die zivile Widerstandsbewegung erfolgreicher sein würde. Aus Sicht von Beyer war die Ankündigung der Militär-Junta, nach einem Jahr an der Macht Wahlen zu ermöglichen, vorgeschoben gewesen. Das hätten aber alle Experten auch von Anfang an vermutet.

Kontakt zu Menschen vor Ort

Judith Beyer hat selbst lange in Myanmar geforscht und noch immer Kontakt zu Forschungsassistenten, Wissenschaftlern und lokalen Journalisten - darunter auch Menschen, die im Moment auf der Flucht sind.

Der Wille zum Protest und die Bereitschaft vieler Menschen, dabei ihr Leben aufs Spiel zu setzen, rührten daher, dass die Menschen in Myanmar auf keinen Fall wieder in einer Militärdiktatur leben wollen. Das treffe sowohl auf ältere Menschen zu, die die vorherige Militärdiktatur selbst erlebt haben, als auch auf jüngere, die eine offenere Gesellschaft kennen. Judith Beyer beobachtet, dass die Demonstranten inzwischen eine andere Strategie verfolgen: So findet die zivile Widerstandsbewegung auf den Straßen vor allem in der Nacht statt – und auch in den sozialen Medien.

Wie könnte Hilfe aussehen?

Das Vorgehen der internationalen Gemeinschaft sei extrem zäh und langsam, so Beyer – was die Menschen in Myanmar angesichts der Lage nicht verstehen könnten. Von den Menschen im Land höre sie oft: "Wir brauchen keine Texte, keine Nobelpreis-Nominierung", so Judith Beyer. Aus Beyers Sicht muss das Konzept "Responsibility2Protect", also die Verantwortung zum Schutz, umgesetzt werden. Dazu zählten gezielte Wirtschaftssanktionen, ein Ende der Waffenexporte und ein Ende der Straflosigkeit.


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Ein Thema u. a. in der Sendung "Bilanz am Abend" am 29.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Anti-Putsch-Demonstranten in Myanmar, die sich am 27. März 2021 mit Pfeil und Bogen auf eine Konfrontation mit der Polizei vorbereiten (Foto: picture alliance/dpa/AP | -)

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