Bertelsmann-Studie: Corona-Einschränkungen enormer Verzicht und Belastung für die Jugend

"Enormer Verzicht und Belastung"

Ein Gespräch mit Antje Funcke, Expertin für Familienpolitik bei der Bertelsmann-Stiftung, über die Ergebnisse der Studie "Jugend und Corona"

Holger Büchner. Onlinefassung: Rick Reitler   23.03.2021 | 08:20 Uhr

Nach einem Jahr Corona-Krise leiden weit mehr als drei von fünf Jugendlichen unter Einsamkeit, psychischen Belastungen oder Zukunftsängsten. Vor allem von der Politik fühlen sie sich allein gelassen, sagt Familien-Expertin Antje Funcke, Mitarbeiterin der Bertelsmann-Studie "Jugend und Corona".

Wie hat sich die nunmehr über ein Jahr währende Corona-Krise auf das Leben von Jugendlichen in Deutschland ausgewirkt? Dieser Frage ist die Bertelsmann-Stiftung in Zusammenarbeit mit den Universitäten Hildesheim und Frankfurt am Main für die Studie "Jugend und Corona" nachgegangen.

Verzicht aus Solidarität

"Viele Jugendliche leisten gerade, glaub' ich, enorm viel in dieser Krise", lobte Antje Funcke, Expertin für Familienpolitik bei der Bertelsmann-Stiftung, im Gespräch mit SR-Moderator Holger Büchner, "sie verzichten auf ganz viel, sie haben ungefähr 80 Prozent ihrer Kontakte eingeschränkt, sie müssen auf ihre Freizeitaktivitäten und Hobbies verzichten".

Bertelsmann-Studie zur psychischen Belastung Jugendlicher unter Corona
Video [SR Fernsehen, (c) SR, 23.03.2021, Länge: 02:35 Min.]
Bertelsmann-Studie zur psychischen Belastung Jugendlicher unter Corona

All das werde allerdings aus der Grundhaltung einer "enormen Solidarität" auch gegenüber der älteren Generation von den Jugendlichen hingenommen. Umgekehrt funktioniere auch der Rückhalt durch die Familien "in vielen Fällen sehr gut" - bei zwölf Prozent der Kinder und Jugendlichen aber sei dem nicht so.

Psychische Belastung

61 Prozent der Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer hätten geäußert, sich teilweise oder dauerhaft einsam zu fühlen, 64 Prozent klagten über die psychische Belastung durch die Krise, und sogar 69 Prozent litten unter Zukunftsängsten. Diese Zahlen seien bei jenen Jugendlichen, die unter finanziellen Sorgen zu leiden hätten, sogar noch höher.

Mehrheitlich enttäuscht von der Politik

Insgesamt bedauerte Funcke ebenso wie viele ihrer Befragten, dass das extreme Engagement der Jugendlichen "kaum zur Kenntnis genommen" werde. Weit mehr als die Hälfte der im November 2020 befragten jungen Menschen hätten den Eindruck geäußert, dass die Regierung ihre Sorgen nicht höre und "ganz klar über ihre Köpfe hinweg" entscheide - ein deutlicher Anstieg des Unmuts im Vergleich zu den Aussagen vom April 2020.

Zeit zum Zuhören

Jugendliche an einer weiterführenden Schule sitzen im Klassenraum (Foto: SR)

Damit habe die Corona-Krise klar aufgezeigt, dass "Beteiligungsstrukturen" für junge Menschen in Deutschland fehlten und endlich aufgebaut werden müssten: "Eigentlich ist es allerhöchste Zeit, dass wir junge Menschen selber, egal ob in der Schule, im Verein, in der Kommune, in der Bundespolitik oder in der Landespolitik selber fragen: 'Was braucht ihr denn eigentlich, um gut durch diese Krise zu kommen?' ", mahnte Funcke.

Deutlich mehr tun

Ein besonderes Augenmerk sollte auch auf den Interessen jener jungen Menschen liegen, die in "benacheiligten oder marginalisierten" Lebenslagen aufwüchsen, forderte Funcke. Für sie sollte es beispielsweise ein "Teilhabegeld" oder eine "Ausbildungsgarantie" geben.

Mehr zur Studie:

https://www.bertelsmann-stiftung.de/de/publikationen/publikation/did/jugend-und-corona-die-kinder-und-jugendpolitik-muss-handeln


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 23.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt Jugendliche im öffentlichen Personen-Nahverkehr (Archivfoto: SR Fernsehen).

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