Vince Ebert zur Impfstrategie der USA

"Eine Nation, die aus der Improvisation entstanden ist"

Der Physiker und Kabarettist Vince Ebert im Gespräch über das Krisenmanagement der USA und Deutschland

Jochen Erdmenger   16.03.2021 | 11:37 Uhr

Die USA machen gerade vor, wie man in der Corona-Krise pragmatisch agieren kann. In Deutschland entsteht dagegen oft der Eindruck, dass man sich eher selbst im Weg steht. Wieso geht die Impfstrategie hier so viel schlechter auf als in den USA? Darüber hat SR-Moderator Jochen Erdmenger mit Vince Ebert gesprochen. Der Physiker und Kabarettist hat ein Jahr in New York gelebt und gearbeitet.

SR 2: Wie schaffen es die Amerikaner Ihrer Meinung nach, so viel schneller und effizienter gegen das Coronavirus zu impfen als Deutschland?

Vince Ebert: Ich bin im März nach Deutschland zurückgekommen wegen Corona. Damals sah es in Deutschland so aus, als ob wir besser durch die Krise kommen. Wir haben schnell reagiert und viel richtig gemacht. Aber ich habe auch schon damals gesagt: Je länger das dauert, desto eher wird sich wahrscheinlich Amerikas Situation verbessern, weil es eben eine Nation ist, die aus der Improvisation heraus entstanden ist. [...]

Vince Ebert (Foto: SR)

Wir Deutschen sind Perfektionisten - wir sind Weltmarktführer in Zahnarztstühlen und Duscharmaturen. Perfektionismus ist gut, wenn man ein klar definiertes Ziel hat und es nur eine richtige oder falsche Lösung gibt. Bei Corona ist es so, dass das, was heute richtig ist, morgen wieder komplett falsch sein kann. Das Einräumen, dass es keine perfekte Lösung gibt, ist wichtiger als sich akribisch genau an Regeln zu halten und Pläne aufzustellen.

SR 2: Deutschland hat den ersten westlichen Impfstoff mitentwickelt. Warum hinken wir beim Verimpfen so hinterher?

Vince Ebert: Das Silicon Valley ist ein schönes Beispiel. Die Herangehensweise im Silicon Valley, was Innovationen und Technologien angeht, ist vollkommen anders. Zum einen haben sie mit Stanfort eine Universität, die extrem an die Industrie angebunden ist. Das heißt, die Studenten lernen schon sehr schnell, wirtschaftlich zu denken.

Diese Verzahnung von Uni und freier Wirtschaft ist in Amerika wesentlich größer als bei uns in Deutschland. Wir sind Spitze in der Forschung - in vielen Bereichen. Aber wenn es um die Umsetzung geht, gibt es eine ziemliche Lücke.

SR 2: Woher kommt die deutsche "Vollkasko-Mentalität"?

Biontech statt AstraZeneca
Impfzentren im Saarland sollen weiterimpfen
In den vier Impfzentren im Saarland sollen in dieser Woche trotz des Stopps der Impfungen mit dem Wirkstoff von AstraZeneca alle Impftermine stattfinden. Gesundheitsstaatssekretär Kolling sagte dem SR, bis zum Ende der Woche werde man den Impfstoff von Biontech verwenden.

Vince Ebert: Die Leute sind ja vor 150 Jahren aus Europa rübergegangen, weil sie sich ausbreiten wollten und frei sein wollten. In Amerika sind die Leute näher an der FDP, als wir uns das vorstellen können, selbst die Demokraten. Sie sehen staatliche Regelungen immer bisschen als störend an und wollen in ihrem Business nicht gestört werden.

Das ist in vielen Dingen schwierig, weil sie da eine komplette Spreizung von arm und reich haben. Aber die Leute sind dadurch wesentlich innovativer und wesentlicher weniger darauf bedacht, dass bei einem geringen Problem der Staat schon irgendwie helfen muss.

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 16.03.2021 auf SR 2 KulturRadio.

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