Kommentar: Praktisches Chaos und absurdes Theater

Praktisches Chaos und absurdes Theater

Ein Kommentar von SR-Reporterin Carolin Dylla Nach Tage eins der Inbetriebnahme des Testzentrums am Grenzübergang Goldene Bremm

Carolin Dylla   03.03.2021 | 07:00 Uhr

Seit Tagen kocht die Debatte um verschärfte Einreisebestimmungen und die Lage an den Grenzen zwischen Deutschland und Frankreich wieder hoch. Mit viel Bitterkeit und viel Enttäuschung. Denn für viele Pendler ist die aktuelle Lage – auch ohne Grenzschließungen – noch komplizierter als vor einem Jahr. Ein Kommentar von Carolin Dylla.

Es war mehr als deutlich zu spüren am Morgen des 2. März: Die Menschen in der Moselle sind getroffen. Sie fühlen sich bestraft und ja, um auch dieses pathetische Wort zu bemühen: Sie fühlen sich gedemütigt. Das ist die emotionale Seite der Reaktionen auf die neuen Einreisebestimmungen der Bundesregierung.

Praktisch Chaos ausgelöst

Damit eines klar ist: Natürlich geht es in dieser Debatte auch um epidemiologische Fragen, vielleicht sogar epidemiologische Notwendigkeiten. Dass die Situation in der Moselle, besonders mit Blick auf die Ausbreitung der südafrikanischen und brasilianischen Mutationen im Nachbar-Département Vielen Sorgenfalten auf die Stirn treibt – das streitet so gut wie niemand ab. Praktisch haben die Einreisebestimmungen aber Chaos ausgelöst.

Alltag über den Haufen geworfen

Carolin Dylla (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Carolin Dylla (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Berlin stuft die Moselle als Virusvariantengebiet ein, die Einreiseverordnung des Bundes sagt: Bon, Einreise für ALLE ab sofort nur noch mit einem frischen, negativen Corona-Test. Die Regeln sind "bien clairs".

Was dagegen in Berlin, auch nach der Erfahrung des vergangenen Frühjahrs, offensichtlich noch immer überhaupt nicht "bien clair" ist: wie sehr diese Entscheidung den Alltag der Menschen hier über den Haufen wirft. Seit Tagen fragen sich die Menschen, wie ihre Kinder jetzt in die Schule kommen. Was sie machen, wenn sie Angehörige auf der anderen Seite der Grenze pflegen. Kurz: wie sie jetzt einen Alltag organisieren, in dem der "Grenzübertritt" eben nicht nur zum Spaß, für Käse, Crémant und ein bisschen savoir-vivre passiert.

Berlin gegen Ausnahmen

Viele dieser praktischen Fragen sind immer noch nicht geklärt. Dabei hatte es vor rund einer Woche doch wirklich gut ausgesehen. Die französische Regierung verschärfte ihre Einreisebestimmungen – mit Ausnahmen für Pendler. Politikerinnen und Politiker aus der Region bemühten sich in einem wochenlangen, diplomatischen Kraftakt um eine gemeinsame Teststrategie. Doch Berlin stufte ein, Ausnahmen von der Testpflicht waren nicht mehr möglich – und all diese Bemühungen sanken in sich zusammen wie ein misslungenes Soufflé.

Absurdes Theater

Inzwischen entsteht der Eindruck, dass keine Stelle – egal ob Berlin, Paris, die Länder, das Département, Bundespolizei und police nationale – mehr mit der anderen kommuniziert. Beinahe im Stundentakt werden von irgendwem neue Regeln oder Ausnahmen bekanntgegeben – kaum einer blickt da noch durch; wie auch. Absurdes Theater.

Praktisches Chaos

Was die aktuelle Situation so bedrückend macht, ist die emotionale Dimension, der Eindruck, der bei den Menschen in der Moselle entstanden ist. Gepaart mit dem praktischen Chaos. Und ja, die Grenzen sind offen; die Bundespolizei kontrolliert nicht wie vor einem Jahr die Menschen direkt an der Grenze.

Mühe ad absurdum geführt

Paradoxerweise aber ist dadurch eine Situation entstanden, die den Alltag vieler Menschen hier noch komplizierter macht, als er es damals war. Dass diese Tatsache das ehrliche Bemühen um eine gemeinsame, ja europäische Lösung der letzten Wochen ad absurdum führt: Das ist – noch ein pathetisches, aber treffendes Wort – einfach nur tragisch.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 03.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Warteschlangen vor der Corona-Teststation an der Goldenen Bremm am Morgen des 2. März 2021 (Foto: Oliver Buchholz).

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