Virologe Kekulé: Mehr selektive Maßnahmen, weniger Lockdown

Mehr selektive Maßnahmen, weniger Lockdown

Ein Gespräch mit Prof. Dr. Alexander Kekulé am Tag vor der Ministerpräsidentenkonferenz zur Lockdown-Politik

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   02.03.2021 | 08:15 Uhr

Der Virologe und Epidemiologe Prof. Dr. Alexander Kekulé hat sich im SR-Interview für einen neuen Kurs in der deutschen Corona-Politik ausgesprochen: Weg von Lockdown und Inzidenzwerten, hin zu gezielteren Impfungen, Schnelltests, Nachverfolgungen von Infektionen und mehr Risikogruppenschutz.

Obwohl die Statistik der Corona-Kennzahlen nicht unbedingt Entwarnung signalisiert, könnten am Ende des Treffens der 16 Länderchefinnen und -chefs mit Bundeskanzlerin Angela Merkel am 3. März zumindest geringfügige Lockerungen des seit Monaten andauernden Corona-Lockdowns beschlossen werden.

"Umsteigen vom Lockdown"

Aus Sicht des Virologen und Epidemiologe. Prof. Dr. Alexander Kekulé könnte man sich Lockerungen dann leisten, wenn bestimmte "Ersatzmaßnahmen" griffen. "Wir müssen umsteigen von einem Lockdown in eine Situation, wo wir selektivere Maßnahmen haben, die technisch sind", forderte Kekulé im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue.

Schnelltests, Nachverfolgungen

Er plädiere schon seit sehr langer Zeit beispielsweise für Schnelltests und Methoden zur Nachverfolgung von Infektionen. "So kann man den Friseur sicher machen, so kann man andere körpernahe Dienstleistungen sicher machen", sagte Kekulé. Auch bei "Dingen wie einem Zoobesuch oder ähnliches" sei für ihn immer schon die Frage gewesen, ob man diese überhaupt hätte verbieten müssen.

"Die meisten Erkrankungen verlaufen relativ harmlos"

Eine "neue Welle" drohe nur dann, "wenn wir einfach nur aufmachen". Da aktuell geimpft werde und die Risikogruppen besser geschützt würden, könne man sich eine "etwas höhere Inzidenz als die jetzt angestrebte 35 leisten". Das Wichtigste sei, "das wir jetzt das Sterben beenden und nicht, dass wir die Inzidenzzahl herunterdrücken, weil ja die meisten Erkrankungen relativ harmlos verlaufen", stellte Kekulé klar.

Länger warten bis zur zweiten Impfdosis

In Sachen Impfung plädierte Kekulé dafür, lieber zunächst viele Menschen mit einer ersten Dosis zu versorgen und den zeitlichen Abstand zur zweiten Dosis zu verlängern, als bereits Geimpften schnell die zweite Dosis zu verabreichen. Es gebe "zunehmend Studien", die seinen Vorschlag als sinnvoll bewiesen. Denn ältere Menschen hätten bereits nach der ersten Impfung "80 Prozent des Effekts", so Kekulé.

Mutanten: "nicht so viel Unterschied"

Die Verschärfungen der Kontrollen an den Grenzen zum französischen Département Moselle hält Kekulé angesichts des Infektionsgeschehens in Frankreich ebenfalls für sinnvoll - die viel zitierten "Virus-Mutanen" aber wären seiner Einschätzung nach "kein Grund" dafür. Denn die "neuen Varianten" seien eben nicht "hoch infektiös", sondern nur "etwas stäker infektiös als das normale, bisherige Corona-Virus". Bei "konsequenten Gegenmaßnahmen" mache das "nicht so viel Unterschied".


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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 02.03.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt einen Impfvorgang (Archivfoto: SR Fernsehen).

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