Gewaltsame Proteste gegen Corona-Politik in den Niederlanden

Gewaltsame Proteste gegen Corona-Politik

Ein Gespräch mit Auslandskorrespondent Michael Schneider über die Ausschreitungen in den Niederlanden

Jochen Erdmenger. Onlinefassung: Rick Reitler   26.01.2021 | 07:45 Uhr

Berechtigte Kritik an der Corona-Politik der Regierung oder schlicht Spaß an Gewalt und Krawall - was treibt derzeit viele Menschen in den Niederlanden auf die Straße? Auslandskorrespondent Michael Schneider erläutert im SR-Interview den Stand der Dinge im Nachbarland.

Nach der Verfügung verschärfter nächtlicher Ausgangssperren in den Niederlanden entlädt sich die Unzufriedenheit mancher Bürgerinnen und Bürger seit einigen Tagen in zuweilen gewaltsamen Protesten.

Wasserwerfer in Rotterdam

Auch am Abend des 25. Januar habe es fast überall im Land "Krawalle und Ausschreitungen" mit Plünderungen, Brandsätzen und Angriffen gegen die Polizei gegeben, wie Auslandskorrespondenten Michael Schneider im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Erdmenger berichtet. In Rotterdam etwa habe die Polizei mit dem Einsatz von Wasserwerfern reagiert. Landesweit habe es bereits 400 Festnahmen gegeben.

Streit um Hintergründe

Nach Einschätzung von Premierminister Mark Rutte handele es ich bei den gewaltbereiten Protestierern um eine "kleine radikale Minderheit". Fußballfans hätten sich bereits von den Ausschreitungen distanziert, sagte Schneider.

Bei den Nachbarn würden nun verschiedene Erklärungsansätze für die Auseinandersetzungen diskutiert. Einige sehen den Grund darin, dass viele Menschen den Eindruck hätten, dass der traditionell liberale politische Kurs der Niederlande im Zuge der Corona-Krise beendet worden sei. Die von der Regierung verfügte nächtliche Sperrstunde erinnere diese Menschen an die Zeit der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges, als es ähnliche Regelungen schon einmal gegeben habe. "Man kann, wenn man das möchte, das wahrnehmen als ein Unterdrückungsinstrument der Obrigkeit", räumte Schneider ein.

"Wir-gegen-die-Spiel"

Andere Erklärungsansätze gingen davon aus, dass diese Argumente "einfach nur vorgeschobene Gründe" seien, "die jetzt einfach dieses Fass zum Überlaufen bringen sollten", so Schneider. Die niederländische Regierung spreche beispielsweise klar und deutlich von "Irren", die mit "uns" nichts zu tun hätten. "Es ist so ein bisschen ein Wir-gegen-die-Spiel, das da losgegangen ist", sagte Schneider: Jene, die die Krawalle angezettelt hätten, würden "zu Außenseitern abgestempelt - und das erlaubt eben auch der Politik, jetzt mit harter Hand durchzugreifen". Die Polizei sei jedenfalls schon in Alarmbereitschaft, und die ersten Rufe nach einem Armeeeinsatz würden in den Niederlanden laut.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 26.01.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt einen Mann, der am 25. Januar 2021 nach einer Konfrontation auf Beijerlandselaan bei Rotterdam von Polizisten am Boden festgehalten wird (Foto: picture alliance/dpa/ANP | Marco De Swart).

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