Kommentar zum CDU-Parteitag: "Die Angst muss weg"

"Die Angst muss weg"

Die Meinung von SR-Politikreporter Florian Mayer

  18.01.2021 | 08:10 Uhr

Armin Laschet hat als neuer CDU-Parteivorsitzender die Post-AKK-Mission "Union wieder einen". Doch mit den internen Quälgeistern der vergangenen Jahre ist wohl noch lange nicht Schluss. Und damit sind nicht nur die Widersacher um Friedrich Merz gemeint. Es geht vor allem um Angst, meint SR-Politikreporter Florian Mayer in seinem Kommentar.

Die CDU lebt seit zwei Jahren in Angst. Auch wenn die CDU bewiesen hat, dass ein "digitaler Wahlparteitag" funktioniert, diese zweitägige Partei-Gala hat deutlich werden lassen, was sich schon beim Bundesparteitag 2018 in Hamburg kurz zeigte; was 2020, als die CDU nach dem AfD-Desaster in Thüringen in den Abgrund geblickt hat, zurückschaute und sie seitdem umso mehr verfolgt: Die Furcht der CDU, am Anspruch zu zerbrechen, die Mitte der Gesellschaft zu vertreten, abzubilden und zu gestalten.

Ein Anspruch, den sie erhebt wie keine andere Partei in Deutschland. Zusammenhalt, Geschlossenheit, Gemeinschaft - keine anderen Wörter sind auf diesem CDU-Bundesparteitag öfter gefallen. Keine anderen Wörter dürfte die Ex-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer seit der Wahl in Thüringen weniger gehört haben.

Keine große Überraschung

Die Lobesbekundungen dieser zwei Tage an AKK - geschenkt. Niemand tritt nach, wenn die Botschaft lauten soll: Wir stehen für alle zusammen. Die Wahl Armin Laschets ist damit keine große Überraschung. Er hat in einer starken Rede, nah an den Delegierten - und ja auch nah an potenziellen Wählern - seine Qualitäten und Stärken ausgespielt: Regierungsverantwortung, Gestaltungswille, Kompromissbereitschaft - mit dem Handwerkszeug der Politik umgehen können, wie Laschet selbst sagte. Er will alle mitnehmen. Kein CEO sein, sondern Mannschaftskapitän.

Umarmende Gesten gegen die Angst. Die aber noch nicht bei allen wirken. Das Merz-Lager schoss bereits nach wenigen Sekunden in den sozialen Netzwerken gegen ihren neuen Parteichef. Merz selbst provozierte noch am gleichen Tag mit dem Angebot, das Wirtschaftsministerium zu übernehmen.

Carsten Linnemann, ein ausgesprochener Merz-Fan, Vorsitzender der Mittelstands- und Wirtschaftsunion stand nach Laschets Wahl im TV-Interview da wie der Bundestrainer nach dem Vorrunden-Aus der National-Elf. Und wenn Armin Laschet die letzten Minuten des Parteitages nutzte, um nochmal intensiv um den Mannschaftsgeist zu bitten, merkt man: Die Angst, sie lauerte noch da in der dunklen, leeren Messehalle in Berlin. Sie wird mit der CDU nach Haus gehen. Bei den kommenden Wahlen in ihrem Nacken sitzen und erst recht in dem Moment, in dem Laschet die Frage beantworten muss: Wer wird Kanzlerkandidat?

Den Kampf gegen diese Angst darf die CDU ihrer Parteispitze nicht wieder alleine überlassen. Beim ersten Mal kostete das eine Frau nur ein Amt. Beim nächsten Mal kostet es die Union.

Ein Kommentar von Florian Mayer


Der andere Blickwinkel:

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 18.01.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt Armin Laschet auf dem digitalen Bundesparteitag der CDU am 16. Januar 2021 (Foto: picture alliance/dpa | Michael Kappeler).

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