Warum sich die Polarisierung nach der Corona-Krise verschärfen wird

Warum sich die Polarisierung nach der Corona-Krise verschärfen wird

Ein Gespräch mit dem Politikwissenschaftler Prof. Stefan Marschall, Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   06.01.2021 | 08:45 Uhr

Der Politikwissenschaftler Prof. Stefan Marschall geht davon aus, dass sich auch nach dem Ende der Pandemie die Polarisierung der Gesellschaft verschärfen werde. Denn auch die Lösung der bis dahin aufgelaufenen Probleme werde "nicht ohne Schmerzen passieren können".

Bis mindestens Ende Januar 2021 bleiben die Geschäfte und Schulen in ganz Deutschland geschlossen, bei Inzidenzwerten über 200 darf man privat nur noch einen Menschen aus einem anderen Haushalt treffen und sich nur 15 Kilometer vom Wohnort wegbewegen - das sind die Kernpunkte der neuen Verordnungen, die am 5. Januar bei einer Bund-Länder-Schaltkonferenz beschlossen wurden.

Für stärkere öffentliche Debatte

"Man würde sich wünschen, dass hier doch stärker eine öffentliche Debatte, Diskussion auch rund um die Maßnahmen stattfinden würde, dass hierbei insbesondere der Bundestag und die Parlamente eine größere Rolle spielen könnten", sagte der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Stefan Marschall von der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx.

"So ein bisschen Unbehagen"

"Die Tatsache, dass das Parlament" zurzeit "nur nachgeordnete Rolle" spiele, bereite "so ein bisschen Unbehagen", sagte Marschall. Immerhin gehe es insbesondere bei den Bewegungsfreiheitseinschränkungen oder bei den Kontaktbeschränkungen "um sehr weitreichende Eingriffe, die hier verabschiedet wurden". Trotzdem glaube er, dass das Krisenmanagement "immer so weiter laufen" werde, "bis wir eine andere Situation haben". Die neue, stärkere Rolle des Staates sei "vielleicht für viele vorher nicht denkbar gewesen" - "nämlich dass er sehr stark auch für den Einzelnen sorgt, dass er sehr stark eingreift in das Leben des Einzelnen".

"Dann wird es wirklich spannend"

Marschall geht davon aus, dass sich auch nach dem Ende der Pandemie die Polarisierung der Gesellschaft verschärfen werde. Denn die Lösung der Probleme "der ganzen Maßnahmen" werde "nicht ohne Schmerzen passieren können" - beispielsweise, was die Arbeitslosigkeit oder Probleme im sozialen Bereich angehe. "Dann wird es wirklich spannend", so Marschall. Augenblicklich aber bekomme die Bundesregierung "einen hohen Vertrauenszuschuss in den Umfragen, die wir sehen können", und "die große Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger" sei für die Maßnahmen.

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Ein Thema u. a. in der Sendung "Der Morgen" am 06.01.2021 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt Schaufensterpuppen mit Sale-T-Shirts hinter geschlossenen Sicherheitsgittern (Foto: picture alliance/dpa | Federico Gambarini).

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