Katrin Glatz-Brubakk zur Flüchtlingssituation auf Lesbos

Katrin Glatz-Brubakk: "Manche Kinder [...] geben ganz auf"

Die Flüchtlingssituation auf den griechischen Inseln ist weiterhin dramatisch

Janek Böffel; Onlinefassung: Laszlo Mura   23.12.2020 | 15:00 Uhr

Die Flüchtlingssituation auf einigen griechischen Inseln ist in den letzten Wochen von der Corona-Pandemie in den Schatten gerückt worden. Verbessert hat sich in den Flüchtlingslagern aber nichts. Katrin Glatz-Brubakk ist für Ärzte ohne Grenzen als Kinderpsychologin auf Lesbos im Einsatz. SR-Modeator Janek Böffel hat mit ihr über die Lage in dem provisorischen Zeltlager "Kara Tepe" gesprochen, das nicht nur sinnbildlich für das Versagen der EU-Flüchtlignspolititk steht, sondern ganz augenscheinlich.

SR 2: Ganz grob zusammengefasst - Wie ist denn im Moment die Lage vor Ort?

Katrin Glatz-Brubakk: Die Lage vor Ort ist schlimm würde ich sagen. Die Wohnbedingungen sind sehr primitiv. Die Menschen müssen in Zelten leben, die kalt sind, zum Teil den Regen durchlassen oder im Wind zusammenklappen. Es gibt keine Drainage im Lager, das sorgt für Überschwemmung außerhalb der Zelte, aber auch drinnen. Es gibt keine Möglichkeit zu heizen. [...] Sie können sich nirgendwo zurückziehen oder sicher fühlen.

SR 2: Jetzt haben wir alle die Bilder des brennenden Lagers im Blick. Dann wurde ein Neues gebaut. Wie hat sich denn Ihrer Meinung nach die Lage seitdem entwicklt im neuen Camp. Das klingt jetzt nicht so, als hätte sie sich wirklich gebessert.

Eine Familie steht innerhalb des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria (Foto: picture alliance/Socrates Baltagiannis/dpa)
Eine Familie steht innerhalb des ausgebrannten Flüchtlingslagers Moria

Katrin Glatz-Brubakk: Alt-Moria und jetzt das Neue zu vergleichen ist wie zwei Alpträume zu vergleichen. Sie sind beide schlimm. Es gibt ja auch keine vernünftige Sanitäranlage, d.h. es gibt Menschen im Lager, die haben seit drei Monaten nicht duschen können. Es gibt kein heißes Wasser. Man kann nirgendwo vernünftig die Klamotten waschen und das heißt natürlich auch, dass die Hygienebedingungen schlecht sind. Sehr sehr viele Menschen leiden jetzt unter der Krätze. [...]

SR 2: Gibt es da irgendwelche Schritte, Ankündigungen oder zarte Hoffnung, dass sich da was ändern könnte? Der Winter wird uns nunmal auch noch einige Zeit in Griechenland begleiten.

Katrin Glatz-Brubakk: Es werden gerade ein paar Duschen montiert, aber auch wenn diese optimal funktionieren sollten, wird jeder nur ungefähr jeden zehnten Tag duschen können. Das ist also viel zu wenig und die Zelte sind überhaupt nicht winterfest. Es wird kalt sein und die Stürme werden ja immer stärker hier im Winter. Ich befürchte, es wird ein sehr sehr harter Winter.

SR 2: Nun mal zu Ihrer Arbeit! Sie arbeiten mit Kindern, die wochen- und monatelang auf der Flucht waren und jetzt in diesem "Schandfleck" Europas leben. Wie sieht denn Ihre Arbeit aus und was können Sie überhaupt tun?

Katrin Glatz-Brubakk: Die Kinder, die hier wohnen, sind alle traumatisiert - entweder noch aus ihrer Heimat oder von der Reise hierher. [...] Viele erzählen uns, dass seitdem sie nach Moria gekommen sind und im Lager wohnen, die Symptome immer stärker werden. Wir sehen Kinder, die schwere Panikattacken haben. Wir sehen Kleinkinder, [...], die den Kopf gegen die Wand knallen, bis sie bluten, also einfach beunruhigt sind und sich nirgends sicher oder geborgen fühlen. Manche Kinder hören auf zu sprechen, isolieren sich und manche geben ganz auf und wollen wirklich nicht mehr leben. Wir haben in diesem Jahr 50 Kinder behandelt wegen Suizidgedanken oder sogar -versuchen. Das ist eine viel zu hohe Zahl.

SR 2: Wie sieht denn insgesamt die Versorgung aus? Zu wievielt sind Sie, um dort arbeiten zu können?

Katrin Glatz-Brubakk: Es sind viele Organisationen hier, u.a. "Ärtzte ohne Grenzen". Wir arbeiten tagein tagaus, Heiligabend, und alle Tage so schwer wir nur können. Aber so lange die Lage so schlimm ist wie jetzt, wird es immer begrenzt sein, wieviel wir machen können. Es ist wie ein Pflaster auf eine Brandwunde legen, obwohl die Menschen noch im Feuer stehen.

SR 2: Jetzt haben sich die Flüchtlinge aus Moria selbst an die europäische Öffentlichkeit mit einem Brief gewandt, indem sie sagen, Sachspenden gebe es genug, Geld würde benötigt. Ihrer Meinung nach: Wo mangelt es denn im Kern und was muss getan werden - im ersten Schritt?

Katrin Glatz-Brubakk: Was die Menschen in Moria brauchen sind nicht mehr hauptsächlich Matratzen, Zelte oder Jacken. Sie müssen evakuiert werden. Wir gucken uns das jetzt seit über fünf Jahren an. Wir sagen immer wieder, es muss jetzt was geschehen. Es kommen immer wieder Versprechen, dass es besser werden soll. Es ist seit fünf Jahren überhaupt nicht besser geworden, vielleicht sogar schlechter. Und jetzt müssen diese Menschen einfach aus dem Lager raus.

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Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Abend" am 23.12.2020 auf SR 2 KulturRadio.

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