Über das bedingungslose Recht auf den eigenen Tod

Über das bedingungslose Recht auf den eigenen Tod

Ein Gespräch mit dem Saarbrücker Sterbebegleiter Paul Herrlein, Vorstandsmitglied des Deutschen Hospiz- und PalliativVerbands, vor der Debatte des Ethikrats

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   17.12.2020 | 08:45 Uhr

Auch nach der öffentlichen Debatte des Ethikrats über eine künftige gesetzliche Ausgestaltung des bedingungslosen Rechts auf den eigenen Tod wird es einen "sehr, sehr langen gesellschaftlichen, politischen Diskurs" geben müssen, meint der Saarbrücker Sterbebegleiter Paul Herrlein im SR-Interview.

Der Ethikrat diskutiert am 17. Dezember öffentlich über eine geregelte Form der Sterbehilfe, die auch Schutzkonzepte für sterbewillige Menschen in Lebenskrisen einschließt. Die Debatte um Art und Ausmaß an Hilfe für suizidwillige Menschen war im Februar 2020 neu entflammt, nachdem das Bundesverfassungsgericht das Verbot geschäftsmäßiger Sterbehilfe aufgehoben hatte.

Suizidwünsche in Krisenzeiten

Paul Herrlein, Vorstandsmitglied des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, geht davon aus, dass es sehr schwierig sein wird, per Gesetz einen "Regelungsmechanismus" einzuführen, der diesem bedingungslosen, selbstbestimmten Recht auf Suizidhilfe - unabhängig von einer Erkrankung eines Menschen - Rechnung tragen könnte.

Er gab zu bedenken, dass gerade in Krisenzeiten die Suizidwünsche wüchsen. Er rechne deshalb zunächst mit einem "sehr, sehr langen gesellschaftlichen, politischen Diskurs", sagte Herrlein im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass man im Januar da 'ne gesetzliche Regelung hat", so Herrlein.

Wunsch und Verhalten nicht dasselbe

Aus seiner Sicht als Sterbebegleiter sei es jedenfalls vor allem wichtig, schwerkranke und sterbende Menschen "einfühlsam auf ihrem Weg zu begleiten". Denn ein Sterbewunsch und ein konkretes Suizidales Verhalten müssten nicht unbedingt dasselbe sein, betonte Herrlein.


Hintergrund:

"Ein heikles, ein sensibles, ein sehr komplexes Thema"
Audio [SR 2, Katrin Aue, 17.12.2020, Länge: 02:01 Min.]
"Ein heikles, ein sensibles, ein sehr komplexes Thema"
Ende Februar hatte das Bundesverfassungsgericht ein Gesetz kassiert, das Sterbehilfevereine in Deutschland verbieten sollte. Das BVerfG vertrat die Auffassung, dass hierzulande bereits ein sehr weitreichendes Recht auf selbstbestimmtes Sterben existiere. Und das schließe auch die Freiheit ein, beim Suizid die Hilfe Dritter in Anspruch zu nehmen. Die Politik bat daraufhin Expertinnen und Experten des Ethikrats um ihren Standpunkt. Der Rat will am 17. Dezember bei einer öffentlichen Anhörung darüber diskutieren, aber noch keinen abschießenden Standpunkt verkünden. Einen Ausblick auf die Debatte gibt ARD-Hauptstadt-Korrespondentin Angela Tesch im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue.


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 17.12.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt die Hand eines Patienten mit Infusionsapparatur (Archivfoto: SR Fernsehen).

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