ME Saar: Kompletter Lockdown für die Wirtschaft wäre "tödlich"

Kompletter Lockdown für die Wirtschaft wäre "tödlich"

Ein Gespräch mit Martin Schlechter, der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar)

Katrin Aue. Onlinefassung: Rick Reitler   28.10.2020 | 16:00 Uhr

Ein kompletter Lockdown wäre für die Wirtschaft und für die Arbeitsplätze "tödlich" - davon ist Martin Schlechter vom Verband der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar) überzeugt. Alles, was in Berlin in Sachen Corona-Maßnahmen entschieden werde, müsse auch mit Hilfen für die betroffenen Branchen einhergehen.

Während Bund und Länder per Videoschalte über strengere Corona-Beschränkungen verhandeln, debattiert der Bundestag über die Verlängerung der Kurzarbeitergeld-Sonderregelung bis Ende 2021. Wer in Kurzarbeit ist und Kinder hat, könnte damit weiterhin bis zu 87 Prozent seines ausgefallenen Nettolohns bekommen.

Aktuelle Umfrage

Vor allem im Gastgewerbe und in der Industrie hält sich die Kurzarbeit bundesweit hartnäckig. Das scheint auch im Saarland nicht viel anders: Nach einer aktuellen Umfrage aus dem Oktober nutzten immer noch "rund die Hälfte" der saarländischen Metall- und Elektroindustrie "das Instrument der Kurzarbeit", sagte Martin Schlechter, der Hauptgeschäftsführer des Verbands der Metall- und Elektroindustrie des Saarlandes (ME Saar), im Gespräch mit SR-Moderatorin Katrin Aue. Dies betreffe rund 40 Prozent der Beschäftigten. Dennoch sei die Kurzarbeit im Vergleich zum Mai "deutlich zurück gegangen".

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Lockdown "tödlich"

Er rechne nun mit "deutliche Auswirkungen" der angekündigten Lockdown-Maßnahmen von Bund und Ländern - "nicht nur in der Industrie, sondern ganz besonders auch im Dienstleistungsbereich, zum Beispiel beim Hotel- und Gaststättengewerbe", sagte Schlechter voraus.

Das Infektionsgeschehen finde im Übrigen "nicht in den Unternehmen statt", denn diese hätten sehr frühzeitig und sehr gut Hygienepläne entwickelt.

Alles, was in Berlin nun in Sachen Corona-Maßnahmen entschieden werde, müsse auch einher gehen mit Hilfen für die betroffenen Branchen, forderte Schlechter. Ein kompletter Lockdown wäre für die Wirtschaft und letztendlich auch für die Arbeitsplätze "tödlich". Viele kämpften schon jetzt ums Überleben.


Diese Maßnahmen wurden beschlossen
Audio [SR 3, Florian Mayer, 29.10.2020, Länge: 01:18 Min.]
Diese Maßnahmen wurden beschlossen
Kontaktbeschränkungen: nur noch zehn Personen aus maximal zwei Hausständen dürfen draußen und im Privaten miteinander treffen. Bars, Kneipen und Restaurants, Kultur- und Freizeiteinrichtungen müssen schließen. Kitas und Schulen bleiben daggen offen, Friseur-Geschäfte auch, ebenso Betriebe des Groß- und Einzelhandels. Auf zehn Quadratmeter Verkaufsfläche darf sich aber nur ein Kunde aufhalten.


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Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Abend" vom 28.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Menschen bei der Arbeit in der saarländischen Metall-Industrie (Archivfoto: SR Fernsehen).

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