"Wenn es allein nach der Kanzlerin geht, wird sie sehr weit gehen"

"Wenn es allein nach der Kanzlerin geht, wird sie sehr weit gehen"

Ein Gespräch mit ZEIT-Journalist Peter Dausend über die Corona-Pläne von Bundeskanzlerin Angela Merkel

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   28.10.2020 | 12:25 Uhr

Der ZEIT-Journalist Peter Dausend geht davon aus, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel am 28. Oktober einen "Wellenbrecher-Lockdown" bis Ende November durchsetzen will. Sollten die Länderchefs ihr folgen, werde sich die Spaltung der Gesellschaft verschärfen und die Zahl der Pleiten weiter steigen - ebenso wie die Staatsverschuldung. Ein Interview.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird am 28. Oktober erneut per Videoschalte mit den 16 Länderchefinnen und -chefs über weitere Bürgerrechtsbeschränkungen im Rahmen ihrer Corona-Politik beraten. Wie weit wird die Kanzlerin gehen?

"Wellenbrecher-Lockdown"

Wahrscheinlich läuft es auf "strikte Maßnahmen für eine begrenzte Zeit" hinaus, "um die Welle der Neuinfektionen zu brechen", prognostiziert Peter Dausend, Hauptstadtjournalist der ZEIT, im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit. Wahrscheinlich müssten neben schärferen privaten Kontaktbeschränkungen Bars, Restaurants, Kinos, Theater, Schwimmbäder, Tattoo-Studios und Fitnesstudios schließen, und auch Konzert- und Sportveranstaltungen werden wohl verboten werden. "Wenn es allein nach der Kanzlerin geht, wird sie sehr weit gehen", sagte Dausend. Dieser "Wellenbrecher-Lockdown" werde wahrscheinlich im Lauf der kommenden Woche beginnen und bis Ende November 2020 andauern. "Danach soll man dann wieder lockern, damit man unbeschwerter in die Weihnachtszeit gehen kann".

Veto der Länderchefs?

Art und Ausmaß der Einschränkungen hingen natürlich auch von der Bereitschaft der Ministerpräsidenten ab, Merkel zu folgen. "Sie allein entscheidet das nicht", sagte Dausend. Er gehe davon aus, dass die "Konfliktlinien" angesichts des unterschiedlichen Infektionsgeschehens nicht "entlang der klassischen Parteigrenzen", sondern vor allem zwischen der ehemaligen Ost-West-Grenze der Bundesländer verlaufen könnten.

Verschärfung der Lage

Die Spaltung innerhalb der Gesellschaft werde sich auf jeden Fall weiter verschärfen, die Zahl der Pleiten besonders in der Gastronomie werde weiter steigen - ebenso wie die Staatsverschuldung. Man könne von daher auch in der Zeit der Maßnahmenverschärfung von vielen Demonstrationsanmeldungen ausgehen.

Einheitliches Regelwerk fragwürdig

Er selbst plädiere nicht unbedingt für bundesweit einheitliche Maßnahmen, sondern "regional bezogene, sinnvolle Maßnahmen für bestimmte Regionen". Hinter der "Sehnsucht nach einem einheitlichen Regelwerk für ganz Deutschland" stehe nach seiner Auffassung "fast schon was Totalitäres".


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 28.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Bild ganz oben zeigt Bundeskanzlerin Angela Merkel (Foto: dpa / Michael Kappeler).

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