"Für mich ist ein Lockdown keine Strategie"

"Für mich ist ein Lockdown keine Strategie"

Ein Gespräch mit dem Lungenexperten und Sachbuchautor Dr. Kai-Michael Beeh über die aktuellen Anti-Corona-Strategien der Politik

Jochen Marmit. Onlinefassung: Rick Reitler   28.10.2020 | 07:00 Uhr

Der Lungenexperte und Sachbuchautor Dr. Kai-Michael Beeh hat im SR-Interview die Anti-Corona-Strategien von Bund und Ländern in Frage gestellt - vom Schnupfenpapier der saarländischen Landesregierung bis zur Kommunikation mit Kennzahlen. Von einem zweiten Lockdown rät Beeh ab.

Im Saarland dürfen Kinder mit leichten Erkältungssymptomen seit dem 26. Oktober vorsorglich nicht in die Kita oder in die Schule und müssen 24 Stunden zur Beobachtung zu Hause bleiben. "Ob das hilfreich ist, da bin ich mir nicht ganz sicher", sagte der Lungenexperte und Sachbuchautor Dr. Kai-Michael Beeh ("Die atemberaubende Welt der Lunge") im Gespräch mit SR-Moderator Jochen Marmit.

Schulen und Kitas keine Infektionstreiber

Schulen und Kitas seien nicht die Infektionstreiber, und selbst infizierte Kinder seien häufig asymptomatisch. Beeh plädierte stattdessen für einen unbürokratischen Einsatz von Corona-Schnelltests: "Dann wird das Kind einfach getestet, und dann weiß man's. Man muss da nicht irgendwie im Dunkeln herumfuhrwerken".

Lockdown-Erfolg unklar

Von einem zweiten Lockdown riet Beeh deutlich ab: "Wenn die Politik mir sagt: 'schließ dich ein, bleib zuhause' - das ist für mich kein Umgang mit einer Pandemie". Man könne nicht schon im Oktober einen Lockdown ausrufen, "wenn wir im Grunde genommen gerade mal vier Wochen oder fünf Wochen in der Erkältungssaison sind". Ein Lockdown sei aus seiner Sicht "keine Strategie". Zudem sei unklar, ob ein Lockdown einen "durchschlagenden Erfolg" haben werde - dies sei eine Lehre bzw. Nicht-Lehre aus dem letzten Frühjahr. "Da wir im März ja alles auf einmal gemacht haben, wussten wir ja überhaupt nicht, was jetzt eigentlich die Fallzahlen beeinflusst hat".

Hilflosigkeit und Aktionismus

Generell sehe er bei den politischen Entscheidern "sehr viel Aktionismus" und "Hilflosigkeit": "Es muss eben jetzt der Eindruck erweckt werden, dass man etwas tut", sagte Beeh, "aber ich bin mir eben nicht ganz sicher, ob dieser Aktionismus wirklich hilfreich ist". Er habe die Befürchtung, dass "so ein 'Lockdown light' auf keine große Begeisterung" stoßen werde. "Und dann haben wir aber das Problem, dass wir nicht mehr genügend Leute mitnehmen bei den Maßnahmen, von denen wir wissen, dass sie sinnvoll sind und auch zielführend sind".

"Seit März überhaupt nichts gelernt"

Beh kritisierte zudem den Umgang der Politik mit verschiedenen Corona-Kennzahlen: Seit März hätten "wir im Grunde genommen überhaupt nichts gelernt", sagte Beeh. Von Anfang an sei gesagt worden, man wolle das Gesundheitssystem und die Krankenhäuser nicht überlasten - stattdessen aber habe man dann "ein Ampelsystem eingeführt, was sich aber an einer ganz anderen Zahl orientiert, nämlich darin, ob die Gesundheitsämter in der Lage sind, bestimmte Infektionszahlen noch nachzuverfolgen. Und das ist was völlig anderes. Und das verwirrt Menschen", betonte Beeh.

Entscheidend: Anzahl schwerer Fälle

"20.000 Neuinfektionen jetzt sind möglicherweise was ganz anderes als im März. Entscheidend ist die Anzahl der schweren Fälle, also wieviele Menschen müssen ins Hospital? Es ist eben was völlig anderes, wenn sich bei Kontrollen in Fußballvereinen irgendwelche topfitten Profis - wie jetzt reihenweise passiert - infizieren, die dann einfach zwei Wochen symptomlos zuhause liegen, als wenn das in den Risikogruppen besteht", stellte Beeh klar. "Wir brauchen da bessere Zahlen, und wir müssen die verschiedenen Faktoren mit in Betracht ziehen, um wirklich zu aussagekräftigen Kennziffern zu kommen."

Fragen an den Autor: Kai-Michael Beeh
Die atemberaubende Welt der Lunge
Der Lungenspezialist Dr. Kai-Michael Beeh war zuletzt am 5. April zu Gast in "Fragen an den Autor" und beantwortete Fragen rund um das Thema "Corona".

Das Buch:

Kai-Michael Beeh
Die atemberaubende Welt der Lunge

Heyne Verlag 2018
288 Seiten, 17,00 Euro
ISBN: 978-3-453-20707-3


Hintergrund:

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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 27.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt das Cover zu Kai-Michael Beehs Sachbuch "Die atemberaubende Welt der Lunge" (Heyne Verlag).

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