Prof. Thorsten Lehr: "Wir haben mit diesen Zahlen gerechnet"

"Wir haben mit diesen Zahlen gerechnet"

Ein Gespräch mit dem Mediziner Prof. Thorsten Lehr, Universitätsklinikum des Saarlandes, Homburg, über das aktuelle Corona-Infektionsgeschehen im Saarland

Florian Mayer. Onlinefassung: Rick Reitler   22.10.2020 | 12:40 Uhr

Nach Einschätzung von Prof. Thorsten Lehr von der Uniklinik Homburg droht ohne die Reserve von ca. 230 zusätzlich verfügbaren Betten bereits Mitte November eine Ausschöpfung der vorhandenen Intensivkapazitäten im Saarland. Er hoffe nun auf den "Selbsterhaltungstrieb" der Menschen, so Lehr im SR-Interview.

Ein Team aus 17 Medizinern der Universitätsklinik des Saarlandes hat einen Simulator entwickelt, der anhand aktueller Daten ausrechnen kann, wie sich die Infektionszahlen weiterentwickeln könnten. Auf dessen Grundlage habe man mit den aktuellen Test-Rekordzahlen bereits gerechnet, sagte Teammitglied Prof. Dr. Thorsten Lehr im Gespräch mit SR-Moderator Florian Mayer.

Nachverfolgung wichtig

Er erklärte die Entwicklung mit dem "exponenziellen Wachstum" im Infektionsgeschehen, das in den Landkreisen beispielsweise auf private Feiern zurückzuführen sei. Falls die Nachverfolgung dort "nicht mehr gegeben" sei, komme es eben zu einem "relativ unkontrollierten Verlauf der Infektionen", sagte Lehr.

Intensivkapazitäten?

Es sei allerdings "relativ schwierig", vorherzusehen, inwieweit die politisch angeordneten Maßnahmen "zu einem Umdenken und zu einer Kehrtwende im Infektionsgeschehen" beitrügen. Wenn es so weiter gehe wie bisher, drohe ohne die Reserve von ca. 230 zusätzlich verfügbaren Betten bereits Mitte November eine Ausschöpfung der vorhandenen Intensivkapazitäten. Von daher müsse man überlegen, "ob und inwieweit vielleicht elektive Behandlungen im Krankenhaus für eine gewisse Zeit möglicherweise zurückgestellt werden könnten". Momentan beobachte man einen "Besorgnis erregenden Anstieg" der Hospitalisierungen gerade bei älteren Mitbürgerinnen und Mitbürgern über 60.

"Selbstregulierungsmechanismus"

Optimistisch stimme ihn "ein gewisser Selbsterhaltungstrieb der Mitbürgerinnen und Mitbürger": Er habe die Hoffnung, dass es ähnlich wie im Lockdown-Frühjahr "noch einen Selbstregulierungsmechanismus" gebe, so Lehr.

Online-Simulator

Unter covid-simulator.com haben die Saar-Wissenschaftler eine Webseite zur Verfügung gestellt, mit der Nutzer verschiedene Corona-Szenarien selbst simulieren können. Auf der Seite findet sich auch der ausführliche Bericht der Projektgruppe, der wöchentlich aktualisiert wird.


Der andere Blickwinkel:

Medizin-Ethiker Prof. Heiner Fangerau
"Auf Vernunft statt auf Verbote setzen"
Der Medizin-Ethiker Prof. Heiner Fangerau hat angesichts der Corona-Lage vorgeschlagen, vielleicht besser "auf Vernunft der Menschen zu setzen als auf Verbote", um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht weiter zu gefährden. Problematische Grenzen seien für ihn u. a. dann erreicht, wenn die Freiheit so weit eingegrenzt werde, dass Menschen nicht mehr das Leben führen könnten, das sie gerne führen würden.


Ein Thema in der Sendung "Bilanz am Mittag" vom 22.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt leere Krankenhausbetten (Archivfoto: SR Fernsehen/aktueller bericht).

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