"Auf Vernunft statt auf Verbote setzen"

"Auf Vernunft statt auf Verbote setzen"

Ein Gespräch mit dem Medizin-Ethiker Prof. Heiner Fangerau über dem Umgang mit der Corona-Krise

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   20.10.2020 | 07:15 Uhr

Der Medizin-Ethiker Prof. Heiner Fangerau hat angesichts der Corona-Lage vorgeschlagen, vielleicht besser "auf Vernunft der Menschen zu setzen als auf Verbote", um den gesellschaftlichen Zusammenhalt nicht weiter zu gefährden. Problematische Grenzen seien für ihn u. a. dann erreicht, wenn die Freiheit so weit eingegrenzt werde, dass Menschen nicht mehr das Leben führen könnten, das sie gerne führen würden.

Müssen wegen der Corona-Gefahr Partys verboten werden oder die Regeln am Arbeitsplatz verschärft werden? Wer sind die von Politikern bereits als "Gefährder" geschmähte Personen? Jugendliche in Feierlaune, Urlaubsrückkehrer oder Hochzeitsgesellschaften?

Randgruppen als Sündenböcke

Die Suche nach Sündenböcken für die nach wie vor hohe Anzahl an positiv Getesteten könnte die Gesellschaft auf eine Zerreißprobe stellen. Das sieht auch der Düsseldorfer Medizinhistoriker und Leopoldina-Mitarbeiter Prof. Heiner Fangerau so. Er hat festgestellt, das man besonders Randgruppen gerne für Pandemien verantwortlich macht, "die sich schlechter wehren können als andere", sagte Fangerau im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx.

"Das finde ich alles sehr gefährlich"

Im Moment sei allerdings weniger eine bestimmte Gruppe als vielmehr eine "globale Angst auszumachen". Trotzdem würden auch derzeit stets "besondere Gruppen als Treiber der Pandemie" hervorgehoben - ein Umstand, der den gesellschaftlichen Zusammenhalt eben "unbedingt" gefährden könne. Augenblicklich mache sich "fast ein rhetorischer Kampf gegen Kinder und Jugendliche" breit, warnte Fangerau. "Das finde ich alles sehr gefährlich, weil es Generationenkonflikte heraufbeschwört, die wir eigentlich nicht brauchen."

Ethische Grenzen

Problematische Grenzen seien für ihn erreicht, "wenn die Angst vor Freiheitsbegrenzung größer wird als die Angst vor der Viruserkrankung selbst" und wenn "die Freiheit so weit eingegrenzt wird, dass die Bewegungsfreiheit von Menschen nicht mehr existiert; sie nicht mehr ihr Leben führen können, das sie gerne führen möchten - natürlich immer unter der Maßgabe, andere nicht zu beeinträchtigen".

Vernunft statt Verbote

Es sei vielleicht besser, "auf Vernunft der Menschen zu setzen als auf Verbote", sagte Fangerau. "Wir leben ja nicht in einer Zeit eines globalen Strafvollzugs, sondern wir alle müssen in unserer Gesellschaft lernen, mit dieser Pandemie umzugehen".


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Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 20.10.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Archivbild ganz oben zeigt den Medizinhistoriker und -ethiker Prof. Heiner Fangerau in einem Krankenzimmer (Foto: dpa / Stefan Puchner).

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