Über Bitterkeit und Verdrossenheit nach 30 Jahren "Deutscher Einheit"

Über Bitterkeit und Verdrossenheit im Osten

Ein Gespräch mit dem sächsischen Kommunalpolitiker und Buchautor Dirk Neubauer über das Lebensgefühl im Soten 30 Jahre nach dem Mauerfall

Sonja Marx. Onlinefassung: Rick Reitler   16.09.2020 | 07:45 Uhr

Der sächsische Kommunalpolitiker Dirk Neubauer (SPD) sieht 30 Jahre nach der "Wende" viel Bitterkeit und Verdrossenheit bei seinen Mitbürgern. Die Gründe sieht er u. a. in der mangelnden politischen Rücksichtnahme auf die Identität der früheren DDR-Bürger - und in der noch immer vorhandenen Angst der Menschen, ihre Meinung frei zu äußern.

Jedes Jahr legt die oder der "Ostbeauftrage" der Bundesregierung einen Bericht zum Stand der Deutschen Einheit vor. So auch am 16. September: Dann findet in Berlin die Präsentation des Jahresberichts für das Bundeskabinett statt.

Doch sind solche Rituale 30 Jahre nach dem Mauerfall überhaupt noch zeitgemäß? Nein, meint der sächsische Kommunalpolitiker und Sachbuchautor Dirk Neubauer (SPD). Er hatte im Sommer 2019 mit seinem Buch "Das Problem sind wir - ein Bürgermeister in Sachsen kämpft für die Demokratie" Schlagzeilen gemacht.

Eigene Identität anerkennen

"Wir haben eine wahnsinnige Anschubfinanzierung aus dem Westen bekommen" resümiert Neubauer im Gespräch mit SR-Moderatorin Sonja Marx, "aber was wir hier daraus gemacht haben, ist einfach zu wenig". Man habe es versäumt, darüber nachzudenken, "wer wir eigentlich sind". Das habe nach drei Jahrzehnten "ein bisschen Bitterkeit und auch Verdrossenheit" erzeugt. "Wir verlieren da grad 'ne Menge Leute, die wir eigentlich hätten mitnehmen müssen", sagte Neubauer. Der Politik riet er, endlich anzuerkennen, dass "der Osten" eine eigene Identität habe.

Fehlende Selbstwirksamkeit

Seine Mitbürgerinnen und Mitbürger im Osten erlebe er selbst größtenteils immer noch als "unmündig", weil sie nicht gelernt hätten, dass es "auf jeden Einzelnen" ankäme. Das zeige sich auch darin, dass die Menschen sich in Diskussionen immer noch nicht trauten, offen ihre Meinung zu äußern - ähnlich, wie es auch zu Zeiten der DDR gewesen sei. Eine Änderung sei aus seiner Sicht u. a. dann möglich, wenn "Selbstwirksamkeit" erlebt werde, sprich: "Wenn die Leute einmal erleben, dass das, was sie wirklich vorbringen, auch tatsächlich Gehör findet und sich umsetzt".

Das Buch:

Dirk Neubauer
Das Problem sind wir. Ein Bürgermeister in Sachsen kämpft für die Demokratie

DVA 2019, 240 Seiten. 18,00 Euro
ISBN-10 : 3421048517

Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" am 16.09.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Foto ganz oben zeigt den Einband von Dirk Neubauers Sachbuch "Das Problem sind wir" (DVA).

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