Kommentar: "Jetzt gibt es keine Ausreden mehr"

"Jetzt gibt es keine Ausreden mehr"

Die Meinung von SR-Reporter Stephan Deppen zu den "Post-Corona-City"-Plänen des Städtebaubeirats Saarbrücken

  23.09.2020 | 08:55 Uhr

Die Beschränkungen der Corona-Krise haben unseren Alltag auf vielerlei Arten verändert: weniger Mobilität, Online-Handel statt Stadtbummel. Diese Erfahrungen hat der Städtebaubeirat Saarbrücken in einem Arbeitspapier berücksichtigt, das den richtigen Weg für die Weiterentwicklung der Stadt aufzeigen will. "Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Die ewige Ausrede des fehlenden Geldes zählt nicht mehr", meint SR-Reporter Stephan Deppen in seinem Kommentar.

Eine Stimme von SR 2: Stephan Deppen (Foto: Pasquale D'Angiolillo)
Stephan Deppen (Foto: Pasquale D'Angiolillo)

Bravo, Städtebaubeirat Saarbrücken: Jetzt gibt es keine Ausreden mehr. Die ewige Ausrede des fehlenden Geldes zählt nicht mehr. Seit Beginn der Corona-Pandemie haben alle Schuldenbremsen-Fanatiker die Fronten gewechselt. Im Land und im Bund. Der stellt zig Millionen zur Verfügung - davon kann auch Saarbrücken profitieren. Darauf weist der Städtebaubeirat zu Recht hin.

Nur: Es muss geplant, beantragt und gebaut werden. Alle drei Punkte nicht gerade die Kernkompetenz kommunaler Entscheidungsträger, wenn man sich die Entwicklung der Landeshauptstadt in den vergangenen Jahren anschaut.

Vieles suboptimal gelaufen

Die vieldiskutierten roten Fahrradstreifen der Wilhelm-Heinrich-Brücke als leuchtendes Beispiel der Städteplanung in der Landeshauptstadt: Jahrelang wurde diskutiert, entschieden, wieder verworfen, wieder diskutiert, wieder entschieden, schließlich gebaut. Eine, wie ich finde, gute Lösung, die Initialzündung sein sollte für eine andere Verkehrspolitik. Die aber ist bestenfalls ansatzweise zu erkennen.

Fortsetzung nach Alt-Saarbrücken: immerhin in konkreter Planung und hoffentlich auch Umsetzung innerhalb der nächsten Jahre. Fortsetzung Richtung Uni und Dudweiler: Es ist schlicht nicht zu fassen, was Radfahrern da zugemutet wird. Und über einen Radschnellweg reden wir auch schon seit Jahren.

Ausbau des Saarbahn-Netzes? Schön und gut, aber zwanzig Jahre lang war es politisch nicht umsetzbar, wenigstens die zwei Kilometer vom Römerkastell bis Neuscheidt fertig zu bauen, obwohl die Fördermittel aus Berlin bereit lagen.

Auch städtebaulich geht es nicht wirklich voran: Möbel Martin hat mit geradezu ehrfurchtheischender Begeisterung der Stadtverwaltung die Erlaubnis bekommen, Fläche für 700 Parkplätze zu verschwenden. Parkplätze, die in dieser Anzahl nicht gebraucht werden, aber die Weiterentwicklung des Quartiers am Osthafen behindern.

Schön auch die Idee, der Stadt mehr Grünflächen zu spendieren. Und das zu einer Zeit, da namhafte Persönlichkeiten noch immer fordern, dem Bürgerpark den Garaus zu machen.

Schließlich die Verkehrspolitik: ein Verkehrsentwicklungsplan ist unter großer Bürgerbeteiligung entstanden. Aber mit der Umsetzung ist es so eine Sache: Die Akzeptanz des ÖPNV hat unter der Corona-Pandemie gelitten. Hier muss über ein besseres Angebot das Sicherheitsgefühl der Kunden gestärkt werden.

Die Corona-Krise des ÖPNV darf nicht dazu führen, dass wir den Individualverkehr wieder propagieren. Der Dauerstau mit Elektroautos ist für die Stadt auch nicht besser als der mit konventionellen Autos. Mehr Platz für Fußgänger, Radler und ÖPNV, auch auf Kosten der Autofahrer - das muss der Weg sein. Wir aber leisten uns noch kostenlose Parkplätze im öffentlichen Straßenraum für Autohändler und -Vermieter von Schafbrücke bis in die Innenstadt.

Der Städtebaubeirat hat gute Ideen eingebracht, die nicht Fiktion, sondern Option beinhalten. Ob es die neue Erschließung des Areals zwischen Römerkastell und Brebach betrifft, eine neue Eingangssituation für die Stadt an der Ecke Meerwiesertalweg/Dudweilerstraße oder eine bessere Lebensqualität durch mehr Grün: konkrete, machbare Szenarien, die aktives Handeln erfordern und nicht nur die Abarbeitung von verschiedenen Bauanträgen beinhaltet.

Manches mag visionär klingen. Aber der Anstoß, Bekanntes mit den Erfahrungen der letzen Monate zu überarbeiten, sollte aufgegriffen werden. "Wer Visionen hat, sollte zum Arzt gehen": Dieser Ausspruch wird Alt-Kanzler Helmut Schmidt zugesprochen. Wie es aussieht, muss von saarländischen Spitzenpolitikern keiner zum Arzt - aber das ist kein gutes Zeichen.


Der andere Blickwinkel:

Luca Kist, Vorsitzender des Städtebaubeirats Saarbrücksen
"ÖPNV mit anderen Verkehrsstrategien vernetzen"
Der Städtebaubeirat Saarbrücken will den "Verkehrsmix" stärken, um positive Effekte für eine besseren Mobilität, für die "Freiraumentwicklung", für den Einzelhandel und für den Wohnraum zu erzielen. "Wir müssen es schaffen, die ÖPNV-Angebote mit anderen Verkehrsstrategien auch zu vernetzen", sagte Kist im SR-Interview.

Erhard Pitzius, Vorsitzender der "Plattform Mobilität Saar-Lor-Lux"
"Wir müssen dem Autoverkehr schon Platz wegnehmen"
Erhard Pitzius, der Vorsitzende der "Plattform Mobilität Saar-Lor-Lux", hat die Ideen des Städtebaubeirats Saarbrücken für eine verbesserte Mobilität kritisiert: "Wir sollten nicht allein auf den Individualverkehr setzen", sagte Pitzius im SR-Interview.


Ein Thema in der Sendung "Der Morgen" vom 23.09.2020 auf SR 2 KulturRadio. Das Symbolbild ganz oben zeigt die Wilhelm-Heinrich-Brücke in Saarbrücken (Foto: Sebastian Knöbber).

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